Von Ulrich Schiller

Ein Satz aus John Turners Zitatensammlung: "Der Wille zur Vortrefflichkeit treibt uns, keinen Stein auf dem anderen zu lassen, damit wir unser Ziel erreichen." Das war einer von vielen markigen, zugleich vagen Sprüchen, mit denen der 55jahrige Anwalt aus Toronto das Publikum im Feldzug um die Führung der Liberalen Partei und die Trudeau-Nachfolge fütterte. "So wenig wie möglich aktenkundig machen", hat er einmal einem Freund geraten, wobei er sich auf eines seiner großen Vorbilder berief auf MacKenzie King, der Kanada lange (von 1921 bis 1930 und wieder von 1935 bis 1948) und mit starker Hand regiert hat.

Der elegante und eloquente John Turner handelt danach. In das Amt des Ministerpräsidenten ist er mit wenig Gepäck aus dem Feldzug um die Trudeau-Nachfolge eingezogen. Politischen Programmen hat er sich ebensowenig verpflichtet wie irgendwelchen Parteifreunden. Er glaubt, daß von ihm die allgemeine Perspektive erwartet wird.

Freilich hat er in der kurzen Zeit seit seiner Inthronisation gezeigt, daß er vom politischen Geschäft mehr versteht als Wahlversprechen auf ein Minimum zu reduzieren. Ihm ist die Aussöhnung mit seinem stärksten Rivalen im Kampf um die Parteiführung gelungen. Als das Kabinett Turner vereidigt wurde, stand Jean Chretien als neuer Außenminister an vorderster Stelle. Der populäre Frankokanadier mit dem Charme eines Bernhardiners ist für Turner so wichtig, weil Chretien nicht nur in der Provinz Quebec Resonanz und großen Einfluß hat, sondern auch im westlichen Kanada Respekt und Anerkennung genießt.

Turners Geschick zeigte sich, als er den Termin für die Parlamentswahlen festlegte. Turner denkt nicht daran, bis zum nächsten Frühjahr zu warten. Die Kanadier sollen schon am 4. September entscheiden, ob sie weiter von den Liberalen oder lieber von den Konservativen regiert werden wollen. Der neue Premier ist selber noch kein Parlamentsmitglied. Er will ein Wagnis eingehen und in Britisch-Kolumbien kandidieren; die Liberalen stellen westlich von Winnipeg derzeit keinen einzigen Abgeordneten. Demoskopen bestätigen die Gunst des Augenblicks. Seit die Liberalen nicht mehr mit Trudeau identifiziert werden und Turner ihr Bild in der Öffentlichkeit prägt, haben die Tories ihren Vorsprung in allen Umfragen eingebüßt.

Was läßt John Turner so attraktiv erscheinen? Sind die Kanadier vielleicht nur Trudeaus müde, jenes Mannes, der Kanada sechzehn Jahre regiert hat?

Das Verhältnis Turners zu Trudeau ist unklar bis auf den heutigen Tag. Keiner von beiden hat sich darüber ausgelassen, warum Turner 1975 aus dem Kabinett ausschied und warum Trudeau seinen damaligen Finanzminister auf dem Höhepunkt der Energiekrise einfach ziehen ließ. Turner war 1968 gegen Trudeau im Kampf um die Parteiführung unterlegen. Den späten Triumph, Nachfolger seines Bezwingers zu sein, hat er genossen. Die Eloge auf Trudeau hätte distanzierter ausfallen können: "Trudeau war der bemerkenswerteste Kanadier unserer Generation", rühmte Turner und versprach, das Land zur Prosperität zurückzuführen, das Vertrauen der Nation in die Regierung wiederherzustellen – kurzum: All das soll wieder herrschen, was unter Trudeau verlorengegangen ist. Turners Kritik an Trudeau wurzelt in der Überzeugung, daß der Vorgänger zuviel und zu kräftig gegen die Regeln einer vernünftigen Geschäftsführung des Unternehmens Staat verstoßen habe. Für Turner lagen von Jugend an Wirtschaft und Politik ganz dient beieinander.