In Amerika bahnt sich ein spannender Wahlkampf um die Präsidentschaft an

Von Dieter Buhl

San Francisco,im Juli

Während die Auguren noch die Nachwehen des Parteitages der Demokraten bewerten, zeichnen sich für Amerikas Politik aufregende Zeiten ab. Was Alexis de Tocqueville schon vor über 150 Jahren staunend vermerkte, wird entgegen vielen Erwartungen diesmal noch deutlicher als sonst zu beobachten sein: "Schon lange vor dem festgelegten Zeitpunkt wird die Wahl zum wichtigsten, alles überragenden Thema. Das parteiliche Engagement wird verdoppelt, und all die künstlichen Leidenschaften, die in einem friedlichen und glücklichen Lande vorstellbar sind, werden geweckt." Mit dem Konvent in San Francisco hat der Präsidentschaftswahlkampf begonnen. Er birgt eine Dramatik, wie sie die Amerikaner seit langem nicht mehr vor einer Wahlentscheidung erlebt haben.

Die Ouvertüre der Demokraten in San Francisco war der Auftakt zu einer spannenden Auseinandersetzung. Der Parteitag wurde zum aufrüttelnden Erlebnis und zur Kampfansage an die Beschaulichkeit der Reagan-Ägide. Wieviel Streit und Zerwürfnis war der traditionell unruhigen Partei vorausgesagt worden! Die Trennlinien in ihren Reihen schienen gezogen: zwischen Schwarzen und Weißen, Männern und Frauen, Norden und Süden, Parteiführung und Basis, Minderheiten und Mehrheit, Fortschrittlichen und Beharrenden. Doch statt eines innerparteilichen Handgemenges lieferten sie ein ungewohntes Beispiel für Einheit in der Vielfalt. In die Geschichte der amerikanischen Parteitage wird der Konvent von San Francisco als eine ebenso gelungene wie bewegende Inszenierung eingehen.

Seine Botschaft war eindringlich und unübersehbar. Sie erschöpfte sich nicht, wie sonst so oft, in papierenen Programmen oder Resolutionen. Wenn die Demokraten sich als Partei der Zukunft rühmten, konnten sie auf das Rednerpodium hinweisen. Dort präsentierte sich der Präsidentschaftsbewerber Jesse Jackson temperamentvoll als ein Beweis für die Gleichberechtigung der schwarzen Amerikanerin der großen Politik. Er tat dies nicht ohne Demagogie, nicht ohne die salbungsvolle Suada des schwarzen Predigers, aber er trat auf mit viel Selbstbewußtsein und Stolz. Noch deutlicher symbolisierte Geraldine Ferraro den demokratischen Anspruch, das Salz der Erde Amerikas zu sein: Eine Frau, die das zweithöchste Amt im Staat übernehmen soll, die forsch zur Sache geht, und in der manche ihrer Parteifreunde bereits die weibliche Inkarnation des krustigen, Klartext-redenden Harry Truman sehen.

Mut zum Wagnis