Von Hans-Otto Eglau

Hoch ging es her in der Rheingoldhalle, wo Mainz zur Fassenacht singt und lacht. Im stolzen Rückblick auf zwanzig Jahre ungebrochenen Wachstums hoben Manager und Mitarbeiter ihr Glas auf eine ebenso glückliche Zukunft. Das ist zwei Jahre her. Inzwischen ist der Lack von der glänzenden Fassade der Deutschen Anlagen-Leasing GmbH (DAL) ab.

Mit jedem Tag offenbaren sich den zur Zeit mit einer Bestandsaufnahme sämtlicher DAL-Engagements beschäftigten Wirtschaftsprüfern der Treuarbeit immer neue, bislang unerkannte Verlustquellen. Noch im April hatten die Verantwortlichen für das Geschäftsjahr 1983 mit Wertberichtigungen zwischen 400 und 600 Millionen Mark gerechnet, Anfang Juni waren es schon 800 Millionen, nur wenige Tage später, nach einer Aufsichtsratssitzung, erreichte die unheimliche Addition bereits die Marke von 1,2 Milliarden Mark. Und noch ist kein Ende in Sicht: Vor Oktober dürften die Treuarbeiter mit der Risikobewertung der mehr als tausend Objekte kaum fertig sein.

Schon Ende letzten Jahres hätten die Geschäftsführer der überschuldeten Leasing-Firma den Gang zum Konkursrichter antreten müssen, wären die Gesellschafter nicht in die Bresche gesprungen. Die Gesellschafter, das sind die Westdeutsche Landesbank (Anteil: 30 Prozent), die Landesbank Rheinland-Pfalz (26,66 Prozent), die Bayerische Landesbank und die Hessische Landesbank (je 16,67 Prozent) sowie die Dresdner Bank (10 Prozent). In den Bilanzen – vor allem der Landesbanken – wird das DAL-Debakel tiefe Spuren hinterlassen. Hatten die Chefs der WestLB noch im letzten Herbst erstmalig seit 1980 wieder vorsichtig eine Dividende in Aussicht gestellt, sahen sie sich nach Bekanntwerden der immer höheren Verluste bei der Mainzer Leasing-Tochter Mitte Januar zu einem peinlichen Rückzieher gezwungen.

Auf Drängen der enttäuschten Eigentümer nahm Vorstandsmitglied Heinrich Viefers, seit Herbst 1981 Aufsichtsratsvorsitzender der DAL und bei der Landesbank eigentlich noch bis Mitte 1987 unter Vertrag, seinen Hut. Mitte Juni forderte die Schieflage das zweite Opfer: Erwin Sinnwell, Chef der Landesbank Rheinland-Pfalz und stellvertretender Aufsichtsratschef der vom Erfolg abgekommenen Leasing-Firma, trat von seinem Posten zurück. Seine Bank gibt sich – zumindest nach außen – überzeugt, den beim Verlustausgleich auf sie entfallenden Brocken von mindestens 300 Millionen Mark ohne Inanspruchnahme ihrer Gesellschafter zu verdauen.

Mit der Landesbank Rheinland-Pfalz muß dasjenige Kreditinstitut – in Relation zu seinem vergleichsweise bescheidenen Geschäftsvolumen – am meisten bluten, das seine Mitgesellschafter einst in das Leasing-Abenteuer hineingezogen hatte. Die Mainzer nämlich hatten 1966 dem an seine finanziellen Grenzen gestoßenen Firmengründer Eberhard Kühl dessen Anteile abgekauft und ihre heutigen Partner zum Einstieg bei DAL überredet. Kühl, ein Allround-Geschäftsmann, den sein wechselvoller Berufsweg bis nach Venezuela führte, hatte 1962 mit seiner Firma "Leasings-Gesellschaft für Vermietungsprojekte GmbH" als einer der ersten das in den USA entwickelte Geschäft nachgeahmt.

Kühl kaufte oder baute, was sich nur irgendwie finanzieren und vermieten ließ: Maschinen und Fabrikhallen, Schiffe und Flugzeuge, Verwaltungspaläste, Rathäuser und Hotels, Verbrauchermärkte, Arztpraxen und sogar das Atomkraftwerk Gundremmingen. Binnen weniger Jahre durfte sich die mittlerweile in "Deutsche Anlagen-Leasing" umfirmierte Gesellschaft als Europas führendes Unternehmen der Branche feiern lassen. Der Bestand an vermieteten Anlagen beläuft sich mittlerweile auf weit über zwölf Milliarden Mark.