Bloß nette Leute kennt er nicht. Das Leben, wie es sich gleich nebenan darstellt, ignoriert er. Seine Figuren haben ein Format, das jeden Fernsehapparat zum Implodieren brächte. Mankiewicz liebt die Extreme. Seine Menschen sind charismatisch gut oder abgründig schlecht. Obsessive Mütter, elitäre Söhne, gierige Tanten, zynische Junggesellen, sie alle sprengen die Moral mit großen Gesten. Ihnen ist die Gesellschaft ein theatralischer Innenraum, in dem sie ihre Interessen rücksichtslos mit Geständnisarien, Enthüllungscoups und fabelhaften Abrechnungen bekunden und verteidigen. Mankiewicz wäre ein Schiller des Films, würde die Rhetorik seines Witzes nicht ständig der Emphase der Gefühle in den Arm fallen.

Er macht Starkino mit den Darstellerinnen Bette Davis, Katherine Hepburn, Liz Taylor und Ava Gardner. Er besorgt Literaturverfilmungen nach F.Scott Fitzgerald, nach Romanen von Graham Greene und Dramen von Tennessee Williams. Er nahm sich mit "Julius Caesar" und "Cleopatra" klassisch-monumentaler Stoffe an. Er liebt das Theater ("All About Eve"), den Western und das Musical. Er macht Kino, ohne sich auf Genres zu spezialisieren. Seine Filme sind grenzenlos.

Aber seine Vielseitigkeit ging auch auf Kosten der Konzentration, die Umtriebigkeit auf Kosten des Profils. Dieser Regisseur ist dafür bekannt, daß er sich alles zutraut und oft nur Anerkennung für seine tapfere Bemühung fand. Den entscheidenden Durchbruch als Autor seiner Filme erzielte er nie, statt dessen die Geltung eines Mannes, der dadurch verblüfft, daß es ihn immer noch gibt. Sein letzter Film hieß "Sleuth/Mord mit kleinen Fehlern" (1972). Kürzlich gedachte man des 75. Geburtstages von Joseph L. Mankiewicz.

Es ist nicht leicht, Pole in den USA zu sein, über den man dort die Witze macht, die bei uns schuldlosen Friesen gelten. Es ist nicht leichter, der jüngere Bruder eines! in Amerika berühmt gewordenen Polen, zu sein: Joe ist der Bruder von Herman J. Mankiewicz, der längst vor ihm in Hollywood wirkte, als Drehbuchautor für die Marx Brothers und zum Beispiel für den Film "Citizen Kane". Der Vater stammte aus Posen. Er emigrierte, um sich vom Druck preußischer Obrigkeit auf die Juden zu befreien. 1909 wurde der Regisseur in Pennsylvanien geboren, New York war das Pflaster, auf dem der Witz der Brüder Joe und Herman sich entfalten sollte. Beide begannen als Journalisten.

Das Dialogfeuerwerk, der scheinbar unsinnige Wortsalat der Marx-Bros.-Filme, die Pointen stammen aus der Zeitungsbranche, in der Schnelligkeit schon halbe Produktion bedeutet. Der Witz im Film ist auch die Gegenwehr für jene Schläge, die Familie Mankiewicz beim Einleben in den USA einstecken mußte: deshalb hat er Biß. Joseph L. studiert, als Gasthörer in allen Gassen der Geschäftigkeit. Mit neunzehn Jahren nimmt er schon den Dampfer. Die Chicago Tribune schickt ihn nach Berlin. Zwei Jahre bleibt er, die Nase im Wind. Das heißt: im Filmgeschäft. Für den amerikanischen Markt übersetzte Mankiewicz die ersten Tonfilme der Ufa. Sein wendiger Witz brachte auch dort den "Kongreß zum Tanzen". Der Journalist wird Autor und debütiert bei der Paramount mit Komödien, dem schwersten aller Genres.

Als Produzent hinreißender Filme wie "Philadelphia Story" und "Woman Of The Year" – beide mit den Star der sophisticated comedy Katherine Hepburn – ging es um den komischen Zweifel an amerikanischer Identität, die erst durch die Rückversicherung, wie sie die Geschichte selber bietet, einwandfrei hergestellt wird: in Philadelphia, dem historischen Ort der amerikanischen Verfassung. Die Affinität der Hollywood-Immigranten zu nationalen Stoffen hängt mit dem Wunsch zusammen, sich zugehörig zu fühlen. Mankiewicz gehörte dazu. Seine Charaktere wie Eve Harrington (in "All About Eve") oder Dr. Zukovisz (den Monty Clift in "Suddenly Last Summer" spielt) eigentlich nicht. Sie kommen woaiders her. Der Ehrgeiz von Eve wird auch dadurch denunziert, daß sie einen Decknamen trägt. Eve hieß Ewa Sleczynki.

"All About Eve" (1950) bleibt Mankiewicz’ bester Film. Hier ist alles groß, der Star, die Story, das Gefühl, der Witz, die Behauptung und ihr Widerruf. Bette Davis spielt den alternden Broadway-Star, Anne Baxter ihre Verehrerin, das scheue Lamm, das sich bald als Wolf entpuppt und den verehrten Star verschlingt. Ein keusches Kind und ein Killer, Heuchelei hat man im Hollywood-Film schon oft gesehen. Nur nie in dieser mitleidlosen Schärfe, diesem atemberaubenden Zynismus, diesem grandiosen Duell von korrupter Zuneigung und eisiger Liebenswürdigkeit. Die Haßausbrüche haben Opernformat, die zärtlich anhebenden Dialoge der beiden Konkurrentinnen um die große Rolle klingen wie klassische Arien. Es ist, als träfe eine schottische Königin mit ihrer englischen Kusine im Kampf um die Krone aufeinander, um eine Sternstunde der Gemeinheit zu feiern.