Die Olympischen Spiele sind halbiert. 141 Länder haben ihre Mannschaften nach Kalifornien geschickt, mehr als je zuvor, aber die Sowjetunion und die DDR, die vor vier Jahren bei der Boykott-Olympiade von Moskau mehr als jede zweite Goldmedaille gewannen, bleiben fern. Mit ihnen sechzehn weitere Mitgliedsländer im Internationalen Olympischen Komitee. Zum erstenmal in der Geschichte nehmen dafür Sportler aus China an Sommerspielen teil. Und zum erstenmal seit 1952 vertritt die Bundesrepublik bei einer Olympiade wieder allein den deutschen Sport.

Etwas mehr als 50 Prozent der Weltmeister in den 21 olympischen Sportarten werden in Los Angeles durch den Boykott nicht zum Kampf um die insgesamt 221 Goldmedaillen antreten. Am schwersten betroffen ist das Gewichtheben. Hier ist kein einziger der zehn Weltmeister am Start. Diese Zahlen des Mangels zeigen auch eine Chance: Weniger, daß die Mannschaft der Bundesrepublik Deutschland nun die Gelegenheit hat, in der Länderwertung hinter den USA an die zweite Stelle zu rücken, gefährdet allein von Rumänien. Welche Aussage steckt in Medaillenspiegeln? Die Chance liegt bei den Athleten aus den Ländern der Dritten Welt. Sie haben sich zu über 90 Prozent dem Boykottaufruf aus Moskau verweigert. Ohne die Athleten aus dem Ostblock wird ihre olympische Medaillenausbeute größer sein als je zuvor. Den Sport-Technologien der großen Industrieländer hoffnungslos unterlegen, mußten sie sich auf den Zufall verlassen, einen Ausnahmeathleten in ihren Reihen zu haben. In Los Angeles aber sind aus Außenseitern Endkampfkandidaten geworden, aus Endkampfkandidaten Favoriten.

Nicht alle Sportarten schmerzt der Boykott. Der Pferdesport, das Segeln, Judo, Hockey und auch die Männerwettbewerbe im Schwimmen und in der Leichtathletik sind – abgesehen von einigen Ausnahmen – von ihm relativ unberührt.

Doch sind gerade in der Leichtathletik und beim Schwimmen die Frauenwettbewerbe hart getroffen. Die Schwimmerinnen der DDR gewannen bei der Europameisterschaft 1983 sämtliche Gold- und Silbermedaillen. Bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft 1983 kamen 67 Prozent der Medaillengewinnerinnen aus den östlichen Ländern. Im Turnen fehlt die Hälfte aller Medaillengewinner der vergangenen Welttitelkämpfe. Im Ringen sind es über 70 Prozent.

Die nach Streitigkeiten mit dem deutschen Turnerbund vom Wettkampfsport zurückgetretene Meisterturnerin Yvonne Haug sagte: "Wer jetzt im Turnen eine Goldmedaille gewinnt, ist doch kein richtiger Olympiasieger." Ebenso denken gewiß die Schwimmerinnen der DDR nach den mäßigen Leistungen der Mädchen aus den USA, als diese ihre Olympia-Qualifikationen ablegten.

Die Mannschaft der Bundesrepublik ist mit 415 Athleten nach Los Angeles gereist. Ein Großaufgebot, nicht zuletzt, weil deutsche Mannschaften im Handball, Fußball, Volleyball und Basketball für Teams aus den Boykottländern nachgerückt sind. Hervorgerufen aber auch ein wenig als Wiedergutmachung für den den Sportlern und Sportverbänden von der Politik aufgezwungenen Olympiaboykott von Moskau.

Das deutsche Team steht vor einer reichen Olympiaernte. Mit dem Schwimmer Michael Groß aus Offenbach könnte es sogar den zweiten Hauptdarsteller dieser Spiele stellen. Neben Carl Lewis, dem 23 Jahre alten schwarzen amerikanischen Sprinter, der nur von einer Verletzung an seinem Vorhaben gehindert werden kann, als erster Leichtathlet nach Jesse Owens (1936) vier Goldmedaillen zu gewinnen. Auch Michael Groß kann vier Medaillen gewinnen und mindestens eine, über 200 m Schmetterling, aus Gold. Über 400 m Freistil will der Offenbacher jedoch nicht starten. Ohne den sowjetischen Ausnahmeschwimmer Salnikow ist ihm hier das Gold zu billig.