Den Fernsehdirektoren der ARD ist dieser Sommer gründlich verhagelt. Die Sender-Intendanten haben den Herren auf der Ebene unter sich Strafarbeiten aufgebrummt. Bis September soll eine neue Programmstruktur entwickelt werden, die von Herbst 1985 an in Kraft treten eine dem gichtigen ARD-Riesen ein Stützkorsett im Abwehr-Herbst gegen die flotte Konkurrenz des Zweiten und die vielleicht noch flottere des Privat-Davids verpassen soll.

Ein solches Fiasko wie bei ihrer jüngsten Tagung in Baden-Baden wollen die Intendanten nicht ein zweites Mal erleben. Dort boten sie ein Bild kläglicher Unentschlossenheit. Jedenfalls konnten sie dem neugierigen TV-Publikum keinen Aufschluß darüber geben, ob die Tagesschau, die heilige Kuh, wenn auch nicht geschlachtet, so doch von 1985 an vom angestammten Platz geschoben werden solle. nicht Tagesschau 18.30 Uhr? Stimmen dafür, Stimmen dagegen. Statt der Tagesthemen (jetzt 22.30 Uhr) eine halbstündige Newsshow um 21.30 Uhr? Stimmen dafür, Stimmen dagegen. Auch, natürlich, keine Antwort auf die Frage, was man sich denn unter einer Newsshow vorzustellen habe.

Die Intendanten hatten sich weidlich blamiert. Doch wurden, wie üblich in Stunden der Bedrückung, die Schuldigen schnell ausgemacht: Die Fernsehdirektoren hätten die Sache nicht gründlich genug, das heißt "entscheidungsreif" vorbereitet. So eilen nun zur Hochsommerzeit die Direktoren von Konferenz zu Konferenz und türmen die Programm-Strukturvorschläge so gewaltig aufeinander, daß sich die Beratungstische biegen.

Wenn es schon ans große Verändern geht, dann wollen die Sommerarbeiten aus den Direktionsetagen zuerst einmal Hand an das ungeratene Kind "ARD-aktuell" in Hamburg legen. Diese Nachrichtenwerktstatt, administrativ dem NDR angegliedert, ist seit ihrem Entstehen 1977 aus dem Schlamassel nicht herausgekommen. Immer gab es Ärger, von innen wie von außen, ob in der Ära Gütt oder in der Ära Gruber.

Das Patentrezept, mit dem die Direktoren liebäugeln, ist zunächst einmal von hierarchischer Art: Der Chef von "ARD-aktuell" soll Direktorenrang bekommen – also einer der ihren sein. Und er soll nicht nur leiten, sondern auch "verkaufen". Damit ist schon die Grundidee für die neue Newsshow umrissen: Statt der häufig wechselnden, nach Senderproporz delegierten Moderatoren der Tagesthemen tritt künftig ein Mann auf, der Abend für Abend die Meldungen wie Perlen auf einen roten Faden reiht, gleichsam der Nachrichtenvater der Nation. Dafür gibt es in Amerika große Vorbilder.

Der Glücksfall für die Direktoren ist, daß sie jedenfalls einen in ihrer Mitte haben, der für eine solche Aufgbe vorzeigbar ist: Rolf Seelmann-Eggebert vom NDR, vormals mit guten Korrespondentenadressen in Afrika und in London. Seelmann hat also journalistisches Knowhow und bringt noch ein weiteres Pius ein: Er wirkt so kompetent und gelassen. Seriös, wie eine deutsche Maid sich ihren Schwiegervater wünscht. Freilich müßte er seine Leitungsaufgaben beim NDR aufgeben oder einstweilen ruhen lassen. Er soll jetzt eine Pilotnummer der Newsshow produzieren und seinen Kollegen lassen. den Intendanten im September vorführen.

Dies alles geschieht eher zum Ärger der Fernsehchefredakteure, die sich übergangen und ausmanövriert fühlen. "Degradiert zur der nuchen-Runde" fühlt der forsche Ulrich Kienzle vom Bremer Sender sich und seine Kollegen. Eilends, wenn auch reichlich spät, soll jetzt als Gegenmodell eine eigene Pilotsendung angefertigt werden. Besonders tun sich dabei die beiden "ARD-aktuell"-Chefredakteure Edmund ("Edi") Gruber und Heiko Engelkes hervor. Aus gutem Grund. Denn wenn der Direktorenplan sich durchsetzt, wartet auf sie nichts anderes als der einstweilig journalistische Ruhestand.