Magdalena Montezuma

Ihre Kollegen, die sogenannten Profis, haben manchmal über sie gelächelt – denn eine Schönspielerin und Schönsprecherin war sie gewiß nicht. Aber häufiger wohl noch haben sie sie mit Furcht und Schrecken bewundert – jene Schauspielerin, die sich, in Erinnerung an den düsteren Herrscher und Priester der Azteken, "Magdalena Montezuma" nannte; die in Filmen von Werner Schroeter, Ulrike Ottinger und Rainer Werner Fassbinder auftrat und gelegentlich auch (vor allem in Peter Zadeks Bochum) die Bühnen des deutschen Stadttheaters heimsuchte. Wenn Magdalena Montezuma auftrat, hatte man, ob entsetzt oder verzaubert, Augen und Ohren nur noch für sie – für ihr phantastisches Gebärden- und Grimassenspiel, ihr Sprechen, das ein gellender Gesang war, ihre schrille Komik und nackte Verzweiflung. Natürlich war sie eine "Dilettantin" – und dennoch, neben der unvergleichlichen, virtuosen Edith Clever, fast die einzige legitime Tragödin des letzten Jahrzehnts. Eine wahre Hohepriesterin und Primadonna, die freilich nicht durch die heiligen Hallen der Schaubühne schritt, sondern durch die zweifelhaftesten Kunstveranstaltungen geisterte. Sie hat Männer gespielt (den Jochanaan in "Salome", den Geist von Hamlets Vater, sogar den Rigoletto), und immer wieder mußte sie das Monster sein. Manchmal in den letzten Jahren meinte man zu spüren, daß sie solcher doch auch selbstzerstörerischen Auftritte müde wurde – da suchte sie, ergreifend, wenn auch ziemlich erfolglos, nach Auswegen aus dem schrecklichen Fach, das sie sich erwählt hatte. Am 15. Juli ist Magdalena Montezuma, nur 41 Jahre alt, in Berlin gestorben. Ihr Entdecker und bester Regisseur, Werner Schroeter, hat es, in einer Todesanzeige, "für alle Freunde", mitgeteilt.

Weißes Papier

Ach, die liebe DDR: Was müssen wir da im Fachblatt Theater der Zeit lesen? Die Dramatik stecke "in der Talsohle". Denn "die vor uns liegenden Aufgaben sind größer als die derzeitigen Erfolge". Wie wahr. Aber was tun die Funktionäre? Anstatt sich alpinistisch zu bewähren und mit Drama und Literatur aus dem Tal auf die Höhen der Kultur zu stürmen, verbieten sie und verhindern sie. Gabriele Eckarts Buch mit Tonband-Protokollen von Gesprächen mit den Obstbauern bei Potsdam, "Mein Werder-Buch", darf nicht erscheinen. Dabei sind Protokolle sogar in Sinn und Form erschienen, der Nobel-Gazette für DDR-Literatur. Günter de Bruyns ebenfalls sanft kritisches Buch über die Zustände in der DDR, "Neue Herrlichkeit", das in der Bundesrepublik seit Monaten viele Leser findet, darf in der Heimat des Autors nicht verlegt werden. Und ein neues Stück des Dramatikers Lutz Rathenow wurde in Leipzig noch vor der Uraufführung abgesetzt. Den Kommentar dazu schreibt Rathenow bereits in seinem (bei Piper in München) erschienenen Band mit "Stücken zum Lesen und Texten zum Spielen" ("Boden 411") unter dem Titel: "Sein Beitrag zum Jahr der Behinderten": "Gelegentlich verschickt er leere Seiten in Briefen. Schönes weißes Papier. Damit sich die Postüberwacher mal entspannen können."