Denn auch eine andere, einschneidende Entwicklung Israels hatte sich längst vor diesen lähmenden Wahlausgang angekündigt: eine soziale Veränderung mit den Folgen gesellschaftlicher Umschichtung und weltanschaulicher Radikalisierung.

Radikalisierung breitet sich aus

David Ben Gurion, der Gründervater, repräsentierte noch das Israel der europäischen Juden, die dem Inferno des Massenmordes entkommen waren, die Generation der Pioniere. Menachem Begin, der 1977 die Macht errang, und sein Nachfolger Schamir sind die Wortführer der orientalischen Juden, der Unterprivilegierten. Diese Sepharden haben gegen die von ihnen so gescholtenen "Aschkenazis" (nach "Aschkenasen", den Einwanderern aus Europa) den Ruck nach rechts in Israel bewirkt, ihn jetzt noch befördert bis hin zum Wahlerfolg des rechtsextremistischen Kachane Als "Schwarze von Zion" bilden sie heute bereits die Bevölkerungsmehrheit (55 Prozent), sind junger, ärmer, weniger gebildet und ausgebildet als ihre europäischen Nachbarn in den gehobenen Ständen, den feineren Wohngegenden, den funktionierenden Kibbuzim. Sie machen auch das Gros in der Armee aus, die im Libanon und am Jordan steht, bei den 150 000 Erstwählern wie bei den 100 000 Wechselwählern – und gerade sie stimmten mehrheitlich für die Rechtsparteien. Fast scheint absehbar, wie Israel im Jahr 2000 beschaffen sein wird: eine levantisierte Gesellschaft, die aus ihrer Verachtung gegenüber den zahlenmäßig absinkenden "weißen Juden" und aus ihrem Haß gegenüber den Arabern keinen Hehl macht.

Zumindest in dem letzten Punkt stimmen die Rechten schon heute mit den radikalen Ansichten eines anderen israelischen Lagers überein, den fanatischen Zeloten unter den Siedlern in den besetzten Gebieten. Deren gewalttätiger Extremismus reicht inzwischen schon bis zum kriminellen Terrorismus jener 27 Angeklagten, die wegen Mordes und Mordversuchs in Untersuchungshaft sitzen. Noch lehnt die Mehrheit ihre Taten ab (aber 32 Prozent immerhin zollten ihnen Respekt), noch sind es nur vereinzelte Stimmen, die innen Verständnis bezeugen – wie die des Wissenschaftsministers Juval Neeman ("gerechter Terror") oder des Siedler-Rabbiners Mosche Levinger ("gute Jungens"). Noch ist es auch nur eine knappe Mehrheit (51 Prozent), die eine Rückgabe der Desetzten, von ihnen mit den biblischen Namen belegten Gebieten Judäa und Samaria ablehnen, selbst wenn daran ein Friedensvertrag mit Jordanien scheitern sollte. Die Radikalisierung aber und die Annektionsbereitschaft eroberten Territoriums breiten sich weiter aus. Auch das belegt das jüngste Wahlresultat mit seinen Stimmengewinnen für die Rechtsparteien.

Die Folgen dieses scheinbar unaufhaltsamen Trends sind gleichfalls unausweichlich: Mit der Übernahme von zusätzlichen 1,4 Millionen Arabern (zu den 690 000 israelischen Arabern), die nach Ansicht von Verteidigungsminister Mosche Arens eines Tages das gleiche Wahl-, Arbeits- und Bildungsrecht wie die Juden erhalten sollen, wird aus Israel allmählich ein bi-nationaler Staat nach Jassir Arafats Vorstellungen. Das wäre dann das Ende der zionistischen Nation, erreicht auf kalte, von den Juden selbstverschuldete Weise. Darum will der Rabbiner Kachane Groß-Israel, und sei es mit Gewalt, "araberrein" machen; darum prophezeit der Ex-Generalstabschef, Libanon-Invasionsplaner und neuer Abgeordneter Rafael Eitan "noch weitere hundert Jahre Krieg mit den Arabern". Darum warnen aber auch die Gegner einer solchen Einverleibungs-Konzeption vor einem israelischen Südafrika mit Apartheids-Schranken.

Israel im Juli 1984, aus der Nähe betrachtet: Die einen leben, wie in einem Narrenparadies, weit über ihre Verhältnisse, horten Dollars, kaufen Dollars auf den legalen Schwarzmärkten in der Ostjerusalemer Saladinstraße oder in der Lilienblumstraße von Tel Aviv und vertrauen darauf, daß sie – wenn ihnen das Wasser tatsächlich bis zum Halse stehen sollte – notfalls noch immer der 51. Staat Amerikas werden könnten. Da Washington ihren maroden Staatshaushalt jährlich ohnehin mit rund 7,3 Milliarden Mark stützt, handeln sie nach der leichtfertigen Devise: "Lebe jetzt und zahle später" – und nach der bisherigen Erfahrung können sie davon ausgehen, daß ihnen die Schulden gnädig erlassen werden.

Die andern leben, nach der politisch-messianistischen Devise von Blut, Boden und Bibel, in der Illusion: Wir und der Rest der Welt. So nehmen sie fremdes Land in Besitz (bereits zwei Fünftel Westjordaniens), zwingen ihre Gesinnungsgenossen in der Regierung, trotz akuten Geldmangels neue Siedlungen zu errichten (allein in den letzten drei Tagen vor der Wahl zehn Wehrdörfer), jagen den arabischen Bewohnern Angst und Schrecken ein und halten sich in der fundamentalistischen Grandeur-Gesinnung eines Herrenvolkes für die "wahren Pioniere" von Erez Israel, dem großen, alten, biblischen Israel.