Von Heinz-Günther Kemmer

Die Fernsehlieblinge der Nation drückten einander die Klinke der Bank in die Hand. Zur Eröffnung des neuen Verwaltungsgebäudes leitete Werner Höfer eine Podiumsdiskussion, am Tage darauf sprach Thilo Koch über „Welt im Wandel – Perspektiven der achtziger Jahre“, einen Monat später dann Friedrich Nowottny zum Thema „Nach der Wende der Wandel“, dann Ernst-Dieter Lueg und schließlich Peter von Zahn.

Ein Irrtum wäre es freilich, den Ort der Tat in Frankfurt und den Veranstalter in einer Großbank zu suchen. Die Bühne stand vielmehr in der westfälischen Provinz, genauer gesagt in Hamm. Gastgeber war jeweils die Hammer Bank, Spadaka e. G., eine der am Platz vertretenen Genossenschaftsbanken, freilich eine von besonderer Art. Die Hammer Bank ist das, was man einen Senkrechtstarter nennt. Ihre Bilanzsumme stieg von gut 60 Millionen Mark im Jahre 1970 auf 1,65 Milliarden Mark im vergangenen Jahr. Die ehemalige Spar- und Darlehnskasse aus dem Hammer Ortsteil Heessen entwickelte sich zum größten Institut am Platz, sie ließ die etablierte Völksbank Hamm, die es auf 650 Millionen Mark Bilanzsumme bringt, ebenso hinter sich wie die Stadtsparkasse, die gut eine Milliarde Mark auf die Beine stellt.

Mitte Juni fiel freilich Reif auf diese Wirtschaftswunderblüte. Da erschienen nämlich Mitarbeiter der Hamburger Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Kontinentale Treuhand in Hamm und begehrten Einblick in die Bücher. Sie handelte im Auftrag des Bundesaufsichtsamtes für Kreditwesen in Berlin, das für die Hammer Bank eine Überraschungsprüfung nach Paragraph 44 des Kreditwesengesetzes angeordnet hatte.

Das Ergebnis war für die Bank nicht gerade schmeichelhaft. Fünfundzwanzig geprüfte Kredite mit einem Gesamtvolumen von 317 Millionen Mark, so befanden die Prüfer, seien nicht genügend gesichert, Wertberichtigungen also fällig. Und wie das in solchen Fällen üblich ist, gab es auch ein persönliches Opfer: Der Vostandsvorsitzende Paul Schulte, seit 1962 bei der Bank tätig und Motor der Expansion, nahm am 25. Juli seinen Hut. Er ist seitdem nicht wieder aufgetaucht. Einige vermuten ihn in der Schweiz, wo er gemeinsam mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Bank, dem Hammer Rechtsanwalt Günther Köcken eine Eigentumswohnung besitzen soll.

Schulte hat nicht nur das Bundesaufsichtsamt im Nacken, auch die Staatsanwaltschaften in Dortmund und Bochum ermitteln gegen ihn. Die Dortmunder verdächtigen ihn der Beihilfe zur Steuerhinterziehung, und die Bochumer glauben, daß das Ausleihvolumen der Bank zum großen Teil risikobehaftet ist.

„Rechtlich wäre so etwas zu prüfen“, sagt der zuständige Staatsanwalt „unter dem Gesichtspunkt der Untreue.“ Das kann außer mit einer Geldstrafe auch mit Haftstrafe zwischen einem und fünf Jahren geahndet werden.

In erster Linie waren es denn auch die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahren, die das Aufsichtsamt aktiv werden ließen. In Berlin schließt man nicht aus, daß mit der Sonderprüfung erst die Spitze des Eisberges sichtbar geworden ist. Denn die Prüfung hat nur gut ein Viertel des gesamten Kreditvolumens umfaßt. Daß der Rest völlig sauber sein sollte, ist nicht sehr wahrscheinlich.

Plötzlich haben die Männer an der Spitze des nordrhein-westfälischen Genossenschaftswesens das alles kommen sehen. So versichert Paul Zellhorn vom Vorstand der Westdeutschen Genossenschafts-Zentralbank (WGZ): „Wir sprechen seit Jahren mit dem Vorstand der Hammer Bank und haben darauf hingewiesen, daß wir die dort verfolgte Geschäftspolitik nicht als typisch genossenschaftlich angesehen haben.“ Und Uwe Schmidt-Tychsen, einer der Geschäftsführer des Westfälischen Genossenschaftsverbandes in Münster, spricht von „Expansionsraten, die per se Anlaß zur Sorge gegeben haben“.

Genossenschaftsbankiers aus dem Westfälischen erinnern sich allerdings, auch schon andere Töne gehört zu haben. Viele Jahre lang sei ihnen Schulte mit seiner Hammer Bank als leuchtendes Vorbild für erfolgreiche genossenschaftliche Bankpolitik hingestellt worden.

Aber davon will nun niemand mehr etwas wissen. Jetzt ist eher die Rede davon, daß es unmöglich gewesen sei, Schulte zu bremsen. So sagt Zellhorn, man habe gewarnt und sei sogar bis zu „Besuchen in den Aufsichtsratssitzungen der Bank“ gegangen. Die WGZ könne jedoch nicht direkt in die Geschäftspolitik eingreifen, und das Geld für seine Expansionspolitik habe sich Schulte durch „Termineinlagen von außerhalb des angestammten Geschäftsbereichs“ besorgt.

Auch Schmidt-Tychsen gibt zu, daß es mit der Hammer Bank „Auseinandersetzungen über die Geschäftspolitik gegeben habe, beklagt aber gleichzeitig, daß die „Möglichkeiten der Beeinflussung sehr gering“ seien, zumal man am Kreditgeschäft formal nichts habe aussetzen können.

Die Geschäfte, an denen der Verband formal nichts auszusetzen hatte, beschreibt ein Kenner der Hammer Szene ganz anders: „Die Hammer Bank war das Sammelbecken für Schwarzgeld aus dem Ruhrgebiet und das Sammelbecken für faule Kunden aus der gesamten Bundesrepublik.“ Die Ermittlungen der Staatsanwälte wegen des Verdachts der Beihilfe zur Steuerhinterziehung und das Ergebnis der Sonderprüfung machen diese Aussage plausibel.

Die Hammer Bank stand in dem Ruf, auch dem noch Kredit zu gewähren, den andere Banken längst abgewiesen hatten. Das kostete natürlich ein bißchen mehr an Zinsen, aber wer sieht schon darauf, wenn er unbedingt Geld braucht. „Wenn man ein etwas risikoreiches Geschäft machen wollte“, so sagt ein Kunde, „dann mußte man zur Hammer Bank gehen. Die haben einem dann allerdings auch höhere Zinsen abgeknöpft.“

Er selbst hat – wie andere auch – schlechte Erfahrungen mit der Bank gemacht. „Erst haben sie mir die Kredite in den Hals geschmissen, dann war alles vorbei. Solange es gut ging, haben sie einen ausgequetscht wie eine Zitrone, als es nicht mehr ging, haben sie mich fallengelassen.“ Und weiter: „Die Grundstücke haben sie mir für einen Hungerpreis abgeknöpft und anschließend mit gutem Gewinn wieder verkloppt.“ Daß dies kein Einzelfall ist, davon zeugen die vielen Prozesse, die gegen die Hammer Bank geführt werden.

Bei all dem machte der Aufseher der Bank, der Westfälische Genossenschaftsverband, keine gute Figur. Der Verband, der die Mitgliedsbanken jährlich zu prüfen hat, fand bis einschließlich 1981 kein einziges Haar in der Suppe. Stereotyp findet sich in den Geschäftsberichten der Satz: „Die Buchführung, der Jahresabschluß und der Geschäftsbericht entsprechen nach unserer pflichtmäßigen Prüfung Gesetz und Satzung.“

Erst bei der Prüfung des Berichts für 1982 fanden die Münsteraner Prüfer nicht mehr alles zum besten. Mehrere Kredite an eine Firmengruppe hätten ihrer Meinung nach zu einem Konzernkredit zusammengezogen werden müssen, und dieser wäre dann unzulässig hoch gewesen. Statt jedoch das Berliner Aufsichtsamt als Schiedsrichter anzurufen, ließen sich die Genossen von Schulte rausbluffen. Er lehnte sie wegen Befangenheit als Prüfer ab und beauftragte die Bonner Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Treuverbund mit der Prüfung. Und die bescheinigte prompt wieder die Ordnungsmäßigkeit des Berichts.

Nachdem nun aber die von Berlin beauftragten Wirtschaftsprüfer aus Hamburg mehr als nur ein Haar in der Suppe gefunden haben, wird die Hammer Bank wohl zur Botmäßigkeit gegenüber dem Verband zurückkehren müssen. Denn nun ist sie auf die Hilfe der Genossen angewiesen.

Die Genossen haben ihre Unterstützung freilich schon zugesagt. Etwas anderes blieb ihnen auch nicht übrig, denn im Gegensatz zu den privaten Banken sind durch einen Solidaritätsfonds nicht nur die Einlagen der Kunden gesichert, auch die Bank selbst kann nicht pleite gehen.

Aber trotz des Anspruchs auf Hilfe haben die Genossen nun ein Druckmittel in der Hand. Sie können der Hammer Bank entweder; das Geld nur leihen und sie damit auf viele Jahre zum Schuldner machen, der auf keinen grünen Zweig kommen kann oder sie können auf Rückzahlung verzichten und damit gewisse Auflagen verbinden.

Die Glanz-und-Gloria-Zeiten der Schulte-Ära sind jedenfalls vorbei. Da wird wohl kaum noch einmal der Börsen-Experte André Kostolany als Ehrengast am „Börsianerball“ des von der Bank geförderten Effektenklubs teilnehmen; da werden Mitglieder und Kunden lange warten müssen, ehe wieder der Sänger Howard Carpendale zum Gelingen eines Festabends beiträgt.

Und Zweifel daran sind erlaubt, ob der Bericht für 1984 wieder eine „Kreativitätsbilanz“ enthält, in der über „die Kreativität der Hammer Bank zur Förderung ihrer Mitglieder“ berichtet wird. Der letzte Kreativitätsbericht enthielt den durchaus bemerkenswerten Satz, für die kommenden Jahre sei nur noch von einstelligen Wachstumsraten auszugehen. Weiter hieß es: „Quantitatives Wachstum ist nicht Ziel für die nächsten Jahre, sondern qualitatives Wachstum.“ Diese Erkenntnis kam freilich zu spät.