Von Hannsferdinand Döbler

Ein Fischerhafen wie aus dem Bilderbuch: Grauhaarige Männer flicken ihre Netze, die Hafenfront des Ortes, der in den dreißiger Jahren so große Berühmtheit erlangt hat, ist von einem mächtigen Hotel mit einem Festungsturm beherrscht, und wer an der Front dieses „Hotel de la Tour“ entlang zum alten Bouleplatz geht und den Weg hinauf, der an gepflegten Häusern und Gärten entlang auf die Höhe des kleinen Vorgebirges führt, der folgt den Spuren von Thomas Mann: Diesen Weg müssen sie alle gegangen sein, die hier bei ihm zu Gast waren in Sanary-sur-mer und an warmen Abenden im Garten der „Villa Tranquille“ gesessen haben: Lion Feuchtwanger, der in der Nähe gewohnt hat, Heinrich Mann, der später in Nizza lebte, aber zunächst im Hotel de la Tour am „Henri Quatre“ gearbeitet hat. Joseph Roth und Franz Werfel waren dort, Bert Brecht und Artur Koestler, der Kunsthistoriker Julius Meier-Graefe aus dem nahm St. Cyr, Bruno Frank und das Ehepaar Schickele, seit Jahren eng mit den Manns befreundet, Ernst Toller, Arnold Zweig, Hermann Kesten, Friedrich Wolf, Piscator, Leo von König, Fritzi Massary und viele andere – das „Romanische Café“ fand damals sozusagen an der Gate d’Azur statt.

Es ist nicht ganz leicht, in diesem Badeort bei, Toulon die Spuren der deutschen Emigranten zu entdecken. Ludwig Marcuse schreibt in seinem Buch „Mein XX. Jahrhundert“: „Die Geschichte der Entdeckung Sanarys ist noch nicht geschrieben worden. Der kleine Ort wurde so berühmt, daß das große amerikanische FBI mich vor der Einbürgerung immer wieder fragte: Phase, teil us something about the German colony Sanary. Ich konnte innen nur sagen, daß Hermann Kesten, der seit Jahrzehnten das literarische Gras wachsen hört, mir diesen Ort empfahl.“ Marcuse schreibt auch, dieses Sanary sei ja keine deutsche Kolonie gewesen, sondern von einem guten Teil der besten deutschen Literatur und außerdem von einigen Engländern (unter ihnen Aldous Huxley) auf die friedlichste Weise okkupiert worden.

Begonnen hatte es mit Katherine Mansfield, der englischen Dichterin aus Australien, die ihre Herzkrankheit im Süden zu heilen hoffte, und mit René Schickele, dessen Roman „Die Witwe Bosca“ im nahen Bandol spielt. Hier findet sich denn auch eine erste Spur jener literarischen Okkupation, deren Hintergründe sich mir erst schrittweise enthüllten.

Am Boulevard Georges Clemenceau steht nämlich ein altes, zweistöckiges Haus, die „Villa Pauline“, umgeben von einem Staketenzaun. Einer der steinernen Pfeiler, die das eiserne Gartentor halten, trägt eine weiße Marmortafel mit einer Inschrift aus Goldbuchstaben: Ici Katherine Mansfield ecrivit prélude janviere – avril 1916. Damit ist eine Datierung gegeben und ein Hinweis auf die Zusammenhänge, denn diese Villa Pauline gab der Schriftstellerin, die hier zu einem neuen, eigenes Ton fand, arkadische Ruhe, und die Liebesbeziehung zu ihrem zweiten Mann, dem Literaten John Middleton Murray, fand hier ihren glücklichen Ort. Am 29. Dezember 1915, also mitten im Ersten Weltkrieg, schrieb sie an Murray nach England: „Solltest Du kommen, so habe ich eine kleine Villa gefunden, die mir in ihrer Art fast vollkommen erscheint. Sie steht allein in einem Garten mit Terrassen. Sie schaut nach Süden und erhält Sonne den ganzen Tag ...“ Später heißt es dann: „O Gott! Dieser Ort ist für mich so schön wie Neuseeland, so abseits, so verborgen, ein Ort, wo Du und ich allein und ungestört sein können. Und träume ich ...“

Er liegt heute nicht mehr abseits, dieser Ort, er ist umgeben von Villen mit ihren Gärten, wie überhaupt Bandol und Sanary weit ins Hinterland gewachsen sind, bedrängt von immer neuen Hotels, Urlaubs-Residenzen und Ferienhäusern, und doch haben sie, vor allem in ihren alten Ortskernen und um die Häfen, ihren alten Charme bewahrt. Als ich unverhofft vor der Villa Pauline stand und die Inschrift am Pfeiler studierte, winkte mir eine alte Dame aus der Tiefe des Gartens zu und forderte mich auf, hereinzukommen. Ich wollte mich für mein unsägliches Französisch entschuldigen, aber sie winkte ab: Sie sei vollkommen schwerhörig, wir würden uns also glänzend verstehen! Ich betrat den Garten, erblickte die einfache Treppe, die von der Terrasse hinabführte, den bemoosten Steintisch, die Fülle der verwilderten Büsche, Jasmin und Flieder, und fühlte mich ein wenig wie ein barbarischer Eindringling in dieser versponnenen Idylle: Es muß ein zauberhafter Ort gewesen sein, als die Mansfield hier hauste, als ihre Freunde sie besuchten, Paul Valéry etwa oder Aldous Huxley, der das Klima der Küste schätzte. Katherine Mansfield selbst, die im März 1917 schweren Herzens Abschied von der Villa Pauline nahm und nach Cornwall zog, hat sich immer an das Glück dort erinnert, ist aber niemals mehr dort gewesen.

Ein paar Jahre später ist die Gegend aber aufs neue zu einem Geheimtip unter Künstlern und Literaten geworden, und 1932 zog René Schickele, Elsässer von Geburt und Europäer von Gesinnung, nach Sanary-sur-mer. Der ehemalige Chefredakteur der Straßburger Neuen Zeitung, der die Herausgabe der berühmten Weißen Blätter übernommen hatte und seiner pazifistischen Grundhaltung wegen 1916 in die Schweiz gewechselt war, zog aus finanziellen Gründen nach Frankreich und lebte in Sanary, bis er 1934 nach Nizza übersiedelte. In dieser Zeit gehörten Thomas Mann und Familie, Heinrich Mann, Julius Meier-Graefe, Walter Bondy, Hermann Kesten, Lion Feuchtwanger und Aldous Huxley zu seinem Freundeskreis, und er zog alle nach sich, die aus Hitler-Deutschland emigrieren mußten.