Schreiben, wie es wirklich war

Von Barbara Ungeheuer

Barbara Tuchman zieht an der Drahtstrippe, als kommandiere sie einen bockigen Gaul. "Lester, das Ding läuft wieder nicht", ruft sie ihrem Mann zu, der unten, im etwa 50 Meter entfernten Haus noch nach dem Sprühmittel sucht, das uns die Stechmücken vom Leibe halten soll. "Das Ding" ist Barbara Tuchmans Miniatur-Drahtseilbahn, ein offener, doppelsitziger Holzkasten, der der 72jährigen, von Herzbeschwerden verfolgten Historikerin den steilen Anstieg zu ihrer Arbeitshütte abnehmen soll.

"Es wird staubig da oben sein", sagt sie, als müßte sich die Autorin von über 3000 gebundenen Druckseiten für ihre derzeitige Schreibpause entschuldigen. Sie freut sich über das mitgebrachte Photo der deutschen Ausgabe ihres letzten Buches, das im September im Fischer-Verlag unter dem Titel "Die Torheit der Regierenden" erscheinen wird. Ihr innerer Produktionszwang ist spürbar, hat auch das Gesicht geprägt. Eine intellektuelle Ungeduld bestimmt ihr Handwerk. Aber sie lacht auch gern, mit einem kleinen Triller in der Stimme, der so weiblich klingt und jedesmal neu ertönt, wenn sie die Unlogik oder das Absurde eines Vorgangs schildert. Und wenn sie sich freut, dann entschärft das Licht in den großen dunklen Augen ihre herrische Nase. Aber auch die paßt zu ihr, denn Barbara Tuchman ist gebieterisch ("taktlos und ungeduldig" sagt sie selbst), wenn sie glaubt, geistige Verwahrlosung und Unzulänglichkeiten in der Politik und in der Gesellschaft aufzeigen zu müssen.

Aus ihrer Hütte ist nie ein Elfenbeinturm geworden, auch als sie dort sieben Jahre lang das 14. Jahrhundert, diesen "fernen Spiegel", unter die Lupe nahm. Seit sie nach ihrem Weltbestseller "August 1914" in die erste Liga der Chronisten aufstieg, hat sie nicht aufgehört, mit ihrem Geschichtsverständnis auch auf ihre Zeitgenossen einwirken zu wollen. Die Maxime Voltaires: "Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber immer tut es der Mensch" ist auch ihre geworden. Sie hat über die Inkompetenz der Schulen, ergo der Schüler, über die Versäumnisse im Umweltschutz und über die Sinnlosigkeit des Wettrüstens geschrieben und den Kitsch und Schund "unserer qualitätsarmen Kultur" beim Namen genannt. "Zu allen meinen Themenideen aus der Geschichte hat mich die Gegenwart inspiriert", sagt sie.

Mehrere Schuhschachteln ("Drei heranwachsende Töchter versorgten mich") voll engbeschriebener Karteikarten bergen das Gerippe für ihre neun Bücher; in der Arbeitsstube steht ein einziger Tisch. Er ist gerade groß genug für die grünkarierten Doppelseiten, die aussehen wie Krankenblätter für lange Fieberkurven. Daß sie ihre feine Kritzelschrift auf diesen breiten Blättern so ausdehnen kann, begeistert sie. Nicht einmal für Kopiermaschinen hat sie was übrig: "Im Kopf muß es stehen, bevor die Musik beginnen kann."

Vom Schreibtisch aus liegt ihr die saftige Parklandschaft von Connecticut zu Füßen, die ihr der Vater Maurice Wertheim, Privatbankier und Kunstmäzen, schon spendieren konnte, als sie noch ein Baby war. An der Wand hängen dichtgedrängt ihre selbsterworbenen Wappenschilder: Zwei Pulitzer-Preise, ein Dutzend Ehrendoktorurkunden (die aus Harvard, ihrer Alma mater, kam spät und freut sie am meisten), das Verdienstkreuz aus Belgien, auch das Siegel des ersten weiblichen Präsidenten der "Academy of art and science" – Ehrenloge der amerikanischen Kunstbühne.

Sie zeigt den Stolz mit der anerzogenen Bescheidenheit einer Patriziertochter und erklärt den Erfolg mit der Selbstsicherheit eines Autodidakten: "Ich habe immer versucht, eine Epoche mit den Augen der Zeitgenossen zu sehen, niemals rückblickend, so als wüßte ich zum Beispiel nicht, wie der Erste Weltkrieg ausgehen würde. Das bringt Spannung."

Schreiben, wie es wirklich war

Barbara Tuchman hat weder promoviert noch Geschichte gelehrt. "Wie es wirklich war", hat sie in den öffentlichen Bibliotheken von New York, Washington, Harvard, Paris und London recherchiert und "daheim" in das erzählende Zeitkolorit verwandelt, das ihr eine Millionenleserschaft eingebracht hat. "Erst wenn ein Satz im Kopf gut klingt, schreibe ich ihn nieder. Geschichtsthemen sind nur das Vehikel für meine Schriftstellern." Sie betont damit, was ihr die Herren aus Akademie, deren Publikationen oft schon auf der Restpostenliste stehen, bevor sie in Druck gegangen sind, gern ankreiden: Sie sei eine Geschichtenerzählerin und keine Historikerin. Diese Kritik hört sie gern. Wer allerdings wagt, an ihren historischen Fakten zu zweifeln, der lernt den Zorn von Frau Tuchman kennen. Dann schreibt sie bitterböse Briefe, verlangt Entschuldigung und Widerruf. Auch über die eher gemischten Rezensionen ihres letzten Buches läßt sie nicht eben eine lèse-majesté walten: "Anscheinend fiel es einigen Kritikern schwer, meine These über die Torheit der Regierenden anzuerkennen: Zu allen Zeiten haben sie immer wieder gegen das eigene Interesse gehandelt, obwohl sie eine Alternative hatten. Mir scheint, daß ich mit den Beispielen vom hölzernen Pferd, das die Trojaner aller Warnung zum Trotz in die Stadt einließen, den Renaissancepäpsten, die den Protestanten in Wittenberg nicht hören wollten, der englischen Krone, die wegen der Teesteuer einen halben Kontinent verloren hat, und schließlich mit Vietnam zum Punkt gekommen war."

Zum Schlußpunkt kommen. Wie hat es die Arztfrau, die Mutter von drei "erfolgreichen" Töchtern geschafft? Mit ihrem Rezeptbuch dürfte sie manche Feministin zur Verzweiflung bringen:

Erstens: Setze keine Kinder in die Welt, die du dir nicht leisten kannst.

Zweitens Rede nicht von Diskriminierung und verdorbener Selbsterfüllung – tu was und gib dein Bestes.

Drittens: Verzichte auf Einladungen zum Mittagessen während der Dauer eines Projektes.

Viertens: Sei verliebt in dein Thema, aber laß die Truppen auch abmarschieren, damit sie ankommen können.

Barbara Tuchman ist elitär und dennoch Mitglied der Demokratischen Partei. Weil es zur jüdischen Tradition gehört, legt sie großen Wert auf die Anerkennung der Einzelleistung, steht politisch aber dennoch auf der Seite der "Mühseligen und der Beladenen".

Schreiben, wie es wirklich war

Am Ende der kurzen Talfahrt im "Paternoster", wo uns der blondgelockte "Graf Coucy" schwanzwedelnd in Empfang nimmt, blickt sie noch einmal zurück auf den Berg. Erst als sie die Photos ihrer Töchter und Enkel von den mit Büchern beladenen Tischen des weitläufigen Wohnraumes holt, verschwinden die dunklen Schatten aus ihrer Stirn. Ganz sachlich erzählt sie vom schweren Anfang, trotz aller Privilegien einer Enkelin von Henry Morgenthau Sn., der sie schon als junges Mädchen König Georg von England vorstellte, oder der Tochter von Maurice Wertheim, der eine Wochenzeitung kaufte, in der sie über den Spanischen Bürgerkrieg berichten konnte. Ein Einzelgänger und eine Leseratte als Kind, schien ihr schon damals "Bücher schreiben das Höchste". Fünfzig Jahre hat es gedauert, ihre kindliche Ambition zu verwirklichen. Erst nach dem Erfolg von "August 1914" etablierte sie sich auch zu Hause als Profi. Sie bekam ihre Hütte. "Als ich an meinem ersten Buch ‚Bibel und Schwert" schrieb, da betrachteten Familie und Freunde meine Arbeit als eine Art Gärtnerei, ein schöner Frauenzeityertreib", erzählt Barbara Tuchman, um vielleicht auch zu erklären, warum sie mit den Frauen von heute so hart umspringt, die es ja besser haben als sie damals in den vierziger und fünfziger Jahren. Sie hätte Narben vorzuzeigen, über die sie aber nicht spricht. Kurz nach dem ersten Bestseller ließ sich ihr Mann von ihr scheiden, und erst zwei Jahre später brachte ein Anruf "den Macno-Kranken" – das sagt Dr. Tuchman – an den heimischen Herd seiner "sehr kompetenten Frau" zurück.

Kompetenz ist das Losungswort von Barbara Tuchman. Sie schreibt: "Falls uns die Inkompetenz nicht noch zum Unheil wird, kann der Primat der Qualität sich vielleicht durchsetzen. Er wird voraussichtlich nicht siegen, aber ein Zufluchtsort für die mit Schund Belagerten sein. Denn solange es Menschen gibt, werden sie nach dem Besten streben wollen. Einigen wird es gelingen."