Von Barbara Ungeheuer
Barbara Tuchman zieht an der Drahtstrippe, als kommandiere sie einen bockigen Gaul. "Lester, das Ding läuft wieder nicht", ruft sie ihrem Mann zu, der unten, im etwa 50 Meter entfernten Haus noch nach dem Sprühmittel sucht, das uns die Stechmücken vom Leibe halten soll. "Das Ding" ist Barbara Tuchmans Miniatur-Drahtseilbahn, ein offener, doppelsitziger Holzkasten, der der 72jährigen, von Herzbeschwerden verfolgten Historikerin den steilen Anstieg zu ihrer Arbeitshütte abnehmen soll.
"Es wird staubig da oben sein", sagt sie, als müßte sich die Autorin von über 3000 gebundenen Druckseiten für ihre derzeitige Schreibpause entschuldigen. Sie freut sich über das mitgebrachte Photo der deutschen Ausgabe ihres letzten Buches, das im September im Fischer-Verlag unter dem Titel "Die Torheit der Regierenden" erscheinen wird. Ihr innerer Produktionszwang ist spürbar, hat auch das Gesicht geprägt. Eine intellektuelle Ungeduld bestimmt ihr Handwerk. Aber sie lacht auch gern, mit einem kleinen Triller in der Stimme, der so weiblich klingt und jedesmal neu ertönt, wenn sie die Unlogik oder das Absurde eines Vorgangs schildert. Und wenn sie sich freut, dann entschärft das Licht in den großen dunklen Augen ihre herrische Nase. Aber auch die paßt zu ihr, denn Barbara Tuchman ist gebieterisch ("taktlos und ungeduldig" sagt sie selbst), wenn sie glaubt, geistige Verwahrlosung und Unzulänglichkeiten in der Politik und in der Gesellschaft aufzeigen zu müssen.