Von Helmut Donat

Die Deutschen sind mit Feuer und Schwert in Belgien eingebrochen. Diese Horde von Barbaren hat das ganze Land verwüstet. Als Omar die Bibliothek von Alexandrien zerstörte, glaubte niemand, daß ein solcher Akt des Vandalismus sich wiederholen könne. Er hat sich aber in Löwen wiederholt; die Bibliothek ist zerstört. Das ist die germanische Kultur, deren sie sich so sehr rühmten.“

Mit diesen Worten geißelte der belgische Pater Dupierreaux Ende August 1914 die Ermordung von über 200 Einwohnern der Stadt Löwen, die Plünderung und Zerstörung vieler Gebäude und die Brandschatzung der im Jahre 1426 gegründeten Universitätsbibliothek Löwen mit ihren unschätzbaren mittelalterlichen Handschriften und Dokumenten. Seine Klage schrieb sich der Priester und Gelehrte in einem Brief von der Seele. Wenig später wird er verhaftet. Bei der Durchsuchung trägt er den Brief noch bei sich. Er wird zum Tode verurteilt. Auf den Rücken des Geistlichen zeichnet man mit Kreide ein großes Kreuz. Ein deutscher Offizier gibt das Kommando: „Legt an! Feuer!“ Der Priester fällt, ein letztes Zucken durchfährt seine Arme. Der Offizier beugt sich herab und schießt mit einer Pistole in das Ohr des Paters. Die Kugel tritt beim Auge wieder heraus.

Vor seiner standrechtlichen Füsilierung erhielt der Pater Gelegenheit zur Beichte. Doch nicht immer ließ man den Belgiern die Zeit dazu. Massenerschießungen, Geiseltötungen, erschlagene Greise und Säuglinge – das waren die Spuren, die deutsche Truppen im August/September 1914 bei ihrem Vormarsch durch das Überfallene Belgien hinterließen. In Städten und Dörfern wurden über 5000 Zivilisten Opfer einer Kriegsmaschinerie, die vom ersten Tage an die „Erregung von Furcht und Schrecken“ zum Ziele hatte. Geschehen nicht im Zweiten, sondern im Ersten Weltkrieg. Und eigentlich zum erstenmal in vollem Umfang ins Bewußtsein gerückt durch das Buch des jungen Historikers Lothar Wieland, siebzig Jahre danach.

Was Wieland zutage fördert, ist nicht mehr und nicht weniger als eine Revision des deutschen Geschichtsbildes. Neu ist diese Forderung freilich nicht. Bereits 1965 stellte ein Rezensent von Barbara Tuchmanns Werk „August 1914“ fest, die Autorin berichte „von Massenexekutionen, durchgeführt von deutschen Soldaten. Der Vergleich mit den SS-Greueln drängt sich auf. Tamines war das Oradour des Ersten Weltkrieges. In Andenne ging es ähnlich zu, auch in Visé und Dinant.“

Die südbelgische Kleinstadt Dinant, an den Ufern der Maas gelegen, zählte vor dem Ersten Weltkrieg 7890 Einwohner und 1711 Gebäude. In den frühen Morgenstunden des 23. August 1914 beginnen die Deutschen, die französischen Stellungen auf dem linken Maasufer zu beschießen. Die Franzosen erwidern das Feuer. In den von den Deutschen besetzten Stadtteilen schlagen die Kugeln von den Mauern der Häuser zurück. Die deutschen Soldaten und Offiziere halten die Querschläger für das Feuer von Freischärlern, die aus dem Hinterhalt auf sie schießen. Auch der Schriftsteller Ludwig Renn, der hier sein erstes Gefecht erlebte, glaubte an „Häuserkampf“. Ein Jahr später war er wieder dort, untersuchte die Schußnarben an den Mauern und bemerkte seinen Irrtum. „Wir aber hatten geglaubt, von Einwohnern beschossen zu werden und hatten massenhaft Zivilisten erschossen.“

Die Massenexekutionen liefen immer nach dem gleichen Muster ab: Da man keiner Heckenschützen („Franktireurs“) habhaft werden kann, weil sie nur in der Phantasie der deutschen Truppen existieren, werden Zivilisten als Geiseln genommen. Die Einwohner werden aus den Häusern geholt und zusammengetrieben. Wenige Stunden später sondert man die Männer aus, stellt sie an eine Wand und erschießt sie – oft vor den Augen ihrer Frauen und Kinder.