Von Aloys Behler

Iñaki Perurena hat die Statur, die einer braucht, der Berge versetzen will. Auf dem Berg, den er heute versetzt, steht „240 kg“. Aus seiner Sicht ist das ein Klacks, sein „Weltrekord“ sind 285 Kilogramm, und demnächst will er die dreihundert schaffen. Die Mitteilung löst Jubel aus im Publikum. Inaki Perurena, 27 Jahre alt, Metzger von Beruf, ist ein Volksheld, der König der Steinheber im Baskenland, wo das Bergeversetzen ein Nationalsport ist.

Stille im Raum, als der Meister sich anschickt, den steinernen Koloß zur Brust zu nehmen, der da auf ledergepolstertem Podest vor ihm aufgebaut ist, abgelegt wie für die Ewigkeit. Der Fremde hat den Stein mal tätscheln dürfen, damit er den nötigen Respekt bekommt. Als er dabei scherzhaft Anstalten macht, die Immobilie ein bißchen zu lüften, quittiert der Meister mit wissendem Lächeln. Dann macht er sich ans Werk.

Wie oft wird er das Ding schultern? Viermal, achtmal, zehnmal in der Minute? Mit glänzenden Augen fragt der Trainer und Impresario in die Runde. Wettfieber bricht aus. Einer läßt sich von der Begeisterung zum Übermut hinreißen: „Fünfzehnmal!“ Inaki Perurena legt sich ins Zeug, greift mit seinen schwieligen Husten zu, packt sich die 240 Kilogramm auf die Schulter, wirft sie wieder in die Polster, hantiert damit wie mit einem Schnellpaket: hoch und ab und hoch und ab und hoch – viermal, achtmal, zehnmal... Unglaublich: Dreißigmal in der Minute schafft es der Kraftkerl, während sich auf den Stirnen seiner Zuschauer die Schweißperlen bilden. Danach ist kein Zweifel mehr im Raum, daß er demnächst den Weltrekord verbessern wird. Was tut es da zur Sache, daß die Grenzen der Welt in diesem Falle mit denen des Baskenlandes identisch sind?

Die kleine Vorstellung findet statt in Mendi-Goikoa, einem stillen Plätzchen in den Bergen von Durango, hoch über der Straße, die von Bilbao nach San Sebastian führt. Mendi-Goikoa ist ein alter baskischer Bauernhof, in der traditionellen Form erhalten oder wiederhergestellt, mit dem für die baskischen Höfe typischen breiten, offenen Portal. Wenn der Besucher Glück hat, wird er hier mit Volksweisen empfangen, die Alten verstehen sich noch auf das Spiel der „Al boca“, eines alten Blasinstrumentes, das entfernt nach Dudelsack klingt. Wo ehemals der Stall war, ist heute ein Gastraum, den man aus besonderem Anlaß mieten kann. Mendi-Goikoa dient als Stätte zur Pflege baskischer Kultur und Folklore. Ringsum in den Bergen leben noch Hexen und Geister, aber in den alten Mauern denkt man durchaus realistisch. Auf der kleinen Karte steht zu lesen: „Wir schenken Kunst, Stille und Frieden – für den Rest müssen Sie zahlen.“

Vor fünf Jahren, nach der Unterzeichnung des Autonomiestatuts für das Baskenland, war König Juan Carlos hier zu Gast. Wahrscheinlich sind auch ihm, auf seinem Platz direkt neben dem prasselnden Kaminfeuer, einige Schweißperlen über die Stirn gerollt bei der Vorführung der Kraftakte seiner baskischen Untertanen. Dabei ist es mit dem Steinheben ja nicht getan. Es erscheint an diesem Abend auch noch Inaki Arria, Weltmeister einer anderen, nicht minder eindrucksvollen Disziplin baskischen Nationalsports, des wettkampfmäßigen Holzhackens. Und wieder geht ein Raunen durch die Reihen.

Inaki Arria (genaugenommen Arria II, denn auch sein Vater war schon ein berühmter Hacker) demonstriert, was er kürzlich im Wettkampf gegen starke kanadische und australische Konkurrenz bewiesen hat: daß keiner einen halbmeterdicken Baumstamm so rasend schnell in zwei Teile zu zerlegen vermag wie er. Während sich der Finnenstahl seiner millimetergenau geführten Axt – links, rechts, links, rechts – in die zusehends sich vertiefende Kerbe frißt, fliegen die Späne ringsum in die Weingläser. Selbst der mitgebrachte Heine Sohn – Arria III –, hält mit der Axt schon jede Wette, präzise nach Vaters Fingerzeigen zuschlagend.

Es ist ein Spaß, aber nicht nur ein Spaß. Es ist auch ein heiliger Ernst in den vor Eifer glühenden Gesichtern. Das Steineheben, das Holzspalten, das Tauziehen, das Wettrudern in klobigen Kähnen – lauter sportliche Wettkämpfe, die einmal entstanden sind aus der täglichen Fron, den eingeübten Zwängen eines immer harten Arbeitsalltags. Heute ist es vor allem Vergnügen, eine ungeheuer populäre Gaudi der „Fiestas Vascas“, der baskischen Festwochen alljährlich Anfang September in San Sebastian. Aber rein zufällig ist diese ausgeprägte Lust am Kraftmeiertum, am so betont männlichen Sporttreiben hier gewiß nicht; sie ist eher typisch, Ausdruck der besonderen Mentalität und des besonderen Charakters der Menschen im Baskenland. Ein Volk, das durch die Jahrhunderte seiner Geschichte um seine Unabhängigkeit gekämpft hat, hält viel von ganzen Kerlen.

Nur etwa zwanzig Kilometer entfernt von dem Ort, wo uns an diesem Abend zwei Söhne des Baskenlandes eine so eindrucksvolle Demonstration ihrer Manneskraft bieten, liegt Guernica, die Stadt, die die Basken als heilig verehren. Die uralte Eiche von Guernica ist das Symbol des ewigen Kampfes der Basken um ihre Unabhängigkeit, hier ließen sie die Könige von Kastilien, Navarra und Spanien die baskiscnen Rechte auf Autonomie beschwören, bevor sie ihrerseits die königlichen Rechte anerkannten. Von der uralten Eiche ist heute nur noch der hohle Stumpf erhalten. Seit 150 Jahren steht ein neuer Baum, in seinem Schatten werden Verträge gemacht und auch Hochzeiten geschlossen.

Hitlers Legion Condor zerbombte im spanischen Bürgerkrieg Guernica zu Schutt und Asche. Die „Casa de Juntas“, das alte Haus der Räte von Vizcaya auf dem Hügel, auf dem die Eiche steht, blieb unversehrt. Vor fünf Jahren kam Juan Carlos auch an diesen Ort. Bevor er zur vorgesehenen Rede anheben konnte, sangen ihm hitzköpfige baskische Separatisten ein Freiheitslied ins Ohr. Seitdem ist der König nicht wieder hiergewesen.

Nach dem Tode Francos, der jede autonome Regung brutal unterdrückt hatte, hat die Zentralregierung in Madrid den Basken eine gewisse Selbständigkeit und Selbstverwaltung in engen Grenzen wieder zugestanden. Nach der Einsetzung des Autonomiestatuts wurde das baskische Parlament neu begründet, im vergangenen Jahr nahmen auch die Abgeordnetenhäuser der Provinzen ihre alten Funktionen wieder auf, wobei ihnen freilich keinerlei legislative Gewalt zukommt.

Das Baskenland in seiner heutigen politischen Zusammensetzung („Euskadi“) besteht aus den drei Provinzen Guipuzcoa (Hauptstadt San Sebastian), Alava (Vitona) und Vizcaya (Bilbao). Zum Baskenland im historischen Sinne („Euskal Herria“) gehört auch die Provinz Navarra, die sich aber nicht anschließen will, sondern eine eigene Autonomie anstrebt. Besuchern aus dem vereinten Europa mag dies zunächst etwas unzeitgemäß rückwärtsgewandt erscheinen, es wird aber verständlicher, wenn man bedenkt, daß der Lendakari, der Ministerpräsident der Basken, jeden Ministerpräsidenten in der Bundesrepublik Deutschland um seine Kompetenzen und seine Eigenständigkeit beneiden muß.

Die Besonnenen im Baskenland glauben, mit dieser Situation leben zu können. Es ist jedenfalls ein Anfang gemacht auf dem Weg zu mehr Eigenständigkeit vor allem im kulturellen Bereich. Eine eigene Verkehrspolizei zeigt sich mit Stolz auf den Straßen, „Euskal Telebista“, der landeseigene Fernsehsender, hat sein Programm aufgenommen. Seit 1982 ist das Baskische, unter Franco vierzig Jahre lang strikt untersagt, als zweite Amtssprache offiziell zugelassen.

Den Hitzköpfen ist das längst nicht genug. Die Terroraktionen der ETA haben einige hundert Menschen das Leben gekostet. Einst kämpfte die ETA gegen die Diktatur, heute oft genug gegen die Demokratie. Die damals gegen Franco aktiv waren, sind heute zumeist in politischen Ämtern und betrachten die Aktivitäten ihrer alten Kampforganisation mit zwiespältigen Gefühlen. Obwohl sie den Terror verurteilen, schätzen es die Behörden des Baskenlandes noch immer nicht, wenn Terroristen an die Behörden in Madrid ausgeliefert werden. Bei 15 Prozent, in manchen Gegenden bei bis zu 40 Prozent der Bevölkerung findet die ETA noch immer Rückhalt.

Das sind keine Zahlen, mit denen sich der Tourismus ankurbeln ließe. 1979, auf dem Höhepunkt des ETA-Terrors, war der Tiefpunkt erreicht. Die Hotels standen selbst in der Sommersaison leer, San Sebastian, früher bevorzugter Urlaubsort der reichen Spanier, Sommerresidenz des Königs, ein Badeort von inzwischen angestaubter, aber nach wie vor anziehender Eleganz, hatte neunzig Prozent seiner Kundschaft verloren. Kein Autotourist mit einem Madrider Kennzeichen traute sich mehr in den Norden, und draußen wirkten die Bombenanschläge auf den Ruf des Baskenlandes so verheerend wie drinnen.

Die Lage hat sich in den letzten Jahren gebessert. Die Hotels sind im Juli und August wieder ausgebucht. Doch noch immer sind nur zehn bis zwanzig Prozent ausländische Gäste unter den Touristen. Während in Spanien insgesamt knapp sieben Prozent des gewerblichen Einkommens dem Fremdenverkehr zu verdanken sind, sind es im Baskenland nur drei.

Die baskische Regierung will das ändern. Der Lendakari Karlos Garaikoetxea, ob seines guten Aussehens der Schwann vieler Landestöchter, führt mit dem ihm eigenen Charme drei überzeugende Gründe an für einen Besuch im Baskenland: ein gastliches Land, eine schöne Landschaft, eine gute Küche. Und was die ETA angehe: Noch nie sei einem fremden Besucher auch nur ein Haar gekrümmt worden. Wohl gibt es gelegentlich einen kleinen Bombenalarm in der Disco, doch wirkt die Routine, mit der die Einheimischen dann für ihr Glas ein sicheres Plätzchen suchen, um es nach der Entwarnung wiederzuentdecken, auf den Fremden ungemein beruhigend.

Auf Massentourismus freilich legt man im Baskenland keinen Wert, darauf ist man nicht eingerichtet. Die Küste hat keine riesigen Sandstrände zu bieten, sie ist großenteils felsig, mit versteckten Badebuchten, eher romantisch. Das Land dahinter, ganz unspanisch grün und bergig, erinnert an das Allgäu. Gelegentlich regnet es, und gelegentlich auch könnte das schönheitstrunkene Auge des verwöhnten Reisenden sich stoßen an ungeniert in die Landschaft gestreuten Zeugnissen einer regen Industrie.

Wer im Urlaub nichts weiter sucht als Sonne und Sand, ist hier sicher fehl am Platz. Die Basken wünschen sich den „qualifizierten Touristen“ (wohl auch mit qualifiziertem Geldbeutel). In der Tat sollte, wer im Urlaub hierherkommt, bereit sein, sich auf Land und Leute einzulassen. Er wird zuweilen eigensinnige, aber ungewöhnlich liebenswerte Menschen kennenlernen, eine einnehmende, manchmal die ganze Person vereinnahmende Gastfreundschaft erleben.

Wo er geht und steht, wird er freilich daran erinnert, daß er in einem politisch unruhigen Landstrich ist. Dem Ortsunkundigen fällt die Orientierung nicht immer leicht: Auf vielen Straßenschildern sind die spanischen Ortsnamen geschwärzt, auch dort, wo seit einiger Zeit die baskischen Namen gleichberechtigt verzeichnet sind. Keine Wand im Baskenland, die nicht mit Transparenten beklebt, mit Lettern bemalt, mit Parolen besprüht wäre. Fanatiker haben an vielen Stellen Wälder angezündet, deren Bäume sich nicht als Eichen ausweisen konnten. Sie wollen es so, wie es hier früher einmal war: Nur der heilige Baum darf wachsen.

In der „Casa Alcalde“, einer kleinen Kneipe in der Gasse vor der Kirche Santa Maria in der Altstadt von San Sebastian, wo prachtvolle Schinken von der Decke hängen und man den Vino tinto aus Ziegenfellen trinkt, stört eine radikale Wandzeitung die Idylle mit der Schlagzeile: „Wir fordern totale Amnestie.“ Beinahe rührend liest sich dagegen, was ein patriotischer Baske an die Mauern der Kirche des Fischerdorfs Guetaria gesprüht hat, von wo aus sich einst der Weltumsegler El Cano aufmachte und wohin er auch zurückkehrte: „Euskal Herria euskara gäbe negal gabeko usoa“ – zu deutsch: Das Baskenland ohne die baskische Sprache ist wie eine Taube ohne Flügel.

Wer baskische Eigenart und baskische Lebensart aus der Nähe kennenlernen will, sollte versuchen, Zutritt zu bekommen zu einer der zahlreichen „Sociedads“, in denen ein großer Teil des gesellschaftlichen Lebens stattfindet. Der Zutritt ist freilich nicht leicht zu finden, denn es handelt sich hier um geschlossene Gesellschaften und reine Männerklubs, ganz entfernt den englischen Clubs vergleichbar. Die „Sociedad Gaztelubide“ in San Sebastian ist eine der berühmtesten, mit ellenlangen Reihen von Kandidatennamen auf der Warteliste. Für jedermann in San Sebastian gilt es als Ehre, hier Mitglied zu sein.

Traditionell machen die Männer an ihren Klubabenden alles selber: das Essen, das Trinken, das Kochen, das Singen. Für einige deutsche Gäste haben sie an diesem Abend ein besonders lustiges Programm arrangiert, eine musikalische Juxnummer, mit der sie schon einmal beim Karneval am Rhein aufgetreten sind: ein Blechblasorchester von zwanzig Mann mit Pappmache-Trompeten. Am Ende lacht das Volk Tränen, tanzt die Truppe auf dem Tisch. Der Besucher, selbst von Lachen geschüttelt, kann nur staunen: So hat er sie noch gar nicht erlebt, seine Basken.

Dann kennt er sie wieder. Eben noch in fröhlichster Laune, erheben sie sich mit ernsten Mienen zum Finale. Es erklingt die baskische Hymne, „Gernikako Arbola“, heiliger Baum von Guernica. Der Besucher spürt im Rücken einen leisen Schauer.