Von Gero von Boehm

Die Revolution, vollzieht sich leise und fast unbemerkt, weil Frankenstein weit ist. Die Goldgräberstimmung dagegen, die in den Labors der Peptidforscher weltweit herrscht, läßt sich durchaus mit der anfänglichen Euphorie der Gen-Ingenieure vergleichen. Objekt der Forscherbegierde sind jene simplen Eiweißkörper, die sich im Gehirn zu kompletten Programmen formieren: Peptidhormone aus dem Hypothalamus und der daran hängenden Drüse, der Hypophyse, sind die Exekutive des Gehirns.

Schon früh hat sich das Interesse auf jene Substanzen konzentriert, die vom Hirn – genauer: der Hirnanhangsdrüse – aus die Fruchtbarkeit von Frau und Mann steuern. Die Amerikaner Andrew Schally, gebürtiger Pole, und Roger Guillemin, gebürtiger Franzose, bekamen 1977 für ihre Forschungen auf diesem Gebiet den Nobelpreis für Medizin. In einem beispiellosen Wettrennen gegeneinander gelang es beiden fast gleichzeitig, die Struktur des LH-RH-Hormons aufzuklären und diesen Stoff in reinster Form zu isolieren.

Das Releasing Hormon (RH) wird im Hypothalamus gebildet und bewirkt die Freisetzung des Luteinisierenden Hormons (LH), das wiederum direkten Einfluß auf die Keimdrüsen nimmt. LH ist für den Eisprung verantwortlich, nachdem sein Partner FSH (Follikel-stimulierendes Hormon) die Ausreifung der Eizelle sichergestellt hat. In perfekter Kooperation sichert das Hormonpaar dann das Überleben des befruchteten Eis. Beim Mann sorgt LH vor allem für die Bildung von Testosteron und für die Ausreifung der Samenzellen.

LH-RH bietet also genügend Ansatzpunkte für mögliche Manipulationen der Fruchtbarkeit. Die Voraussetzungen dafür schuf in den siebziger Jahren die Frankfurter Hoechst AG. Ihren Forschern gelang es, LH-RH nachzubauen und für klinische Untersuchungen bereitzustellen. Inzwischen sind in zahlreichen Labors in der ganzen Welt an die 3000 Abkömmlinge des Hormons synthetisiert worden. Viele von ihnen sind mehr als hundertmal wirksamer als die Muttersubstanz. Jetzt geht es darum, für den jeweiligen Eingriff in das menschliche Fruchtbarkeitssystem das richtige Instrument zu finden.

Besonders erfolgreich wurde bisher die Substanz aus Hoechst eingesetzt: das "Buserelin" (abgeleitet von der Bezeichnung der Aminosäure Butyl-D-Seril, die ein Bestandteil dieses sogenannten "Superhormons" ist). Damit gelang es, Patientinnen ohne Regelblutung und Eisprung die Bürde der Unfruchtbarkeit zu nehmen. Bei entsprechenden Studien an mehreren Zentren benutzten die Ärzte eine Mini-Pumpe quasi als Ersatz-Hirnanhangsdrüse. Die Pumpe gab alle 90 Minuten LH-RH ab – genau wie es das Gehirn tut. Mit einem ähnlichen Prinzip konnte auch Männern geholfen werden, die unter mangelnder Spermabildung litten Immer kommt es entscheidend auf das akribiscie Ausrechnen der Dosis an. Ist sie zu hoch, wird die Fruchtbarkeit vollkommen blockiert – ein Effekt, der bei anderen Patienten durchaus erwünscht sein kann.

Vor allem Andrew Schally ging mit Vorschußlorbeeren für LH-RH als "Pille der Zukunft" nicht gerade sparsam um. Und das Prinzip ist in der Tat faszinierend: Je mehr von dem Hormon zugeführt wird, desto unempfindlicher wird die Hirnanhangsdrüse – bis sie schließlich ihre aktivierenden Signale an das Reproduktionssystem einstellt und der Eisprung ausbleibt.