Wie erfinderisch die Kamera als Lumpensammler arbeiten kann, demonstrierte Michelangelo Antonionis Kurzfilm über die römische Straßenreinigung: „Nettezza Urbana“ (1948). Er lief im Rahmen der Retrospektive, die den Produktionen einer einzigen Firma, der italienischen Lux-Film von 1939-1959 galt. Antonioni schweift im Morgengrauen durch die Stadt, pickt rechts und links des Rinnsteins angefangene Geschichten auf, die er an der nächsten Ecke wieder fallen läßt, nimmt schließlich Abschied von den Randzonen Roms mit einem überwältigenden Bild. Das sprengt den Rahmen jeder Topographie: eine metaphysische Landschaft, in der Telegraphenmasten Botschaften ins Nichts vermitteln. Was als ein unscheinbares Dokument begann, endet als hyperreale Vision.

Ein Film, der bei der Locarneser Preisverteilung leer ausging, weil er unspektakulär bedenkt, was seine Sache ist und was nicht, ist der Schweizer Beitrag „Der Gemeindepräsident“ von Bernhard Giger, dessen Erstlingsfilm „Winterstadt“ (1982) im Forum auf der Berlinale lief. Mathias Gnädinger (von der Schaubühne Berlin) ist der Gemeindepräsident inmitten des unerschütterbaren juste milieu der deutschen Schweiz. Seine Partei ekelt ihn aus dem Amt. Er verhandelt nämlich mit Hausbesetzern. Seine Würde gewinnt er außeramtlich wieder. Dieser Bürgermeister wird durch den Freitod seines Chauffeurs zum politischen Selbstmord gezwungen. Indem er sich auf die Seite der Außenseiter schlägt, ohne ihr selber anzugehören, fällt die geübte Solidarität als „Schuld“ auf ihn zurück. Gnädinger ist ein Orson Welles in der Provinz, ein sanftes Erdbeben unter lauter waagerecht Lebenden. In diesem Drama der beiläufigen Verstrickungen wird Berner Dialekt gesprochen, ein Idiom, das uns sehr fern dünkt, Wie aber private und öffentliche Konflikte umschlagen, dürfte ein Problem sein, das ähnlich einen ostholsteinischen Wahlkreis beträfe. Giger hat die Enge gut durchleuchtet, die Tapsigkeit der Gesten nicht versteckt. Er hat freilich mit den vielen Heimat-Totalen des Guten zu viel getan. „Der Gemeindepräsident“ ist ein leises Lehrstück, in dem die Ironie zersetzt, was didaktisch wirken könnte.

P.S.: Den Großen Preis von Locarno, den Goldenen Leoparden, gewann der wunderbare Film „Stranger than Paradise“, von Jim Jarmusch, USA. Er erhielt in Cannes die Auszeichnung „camera d’or“ und ist im ZDF schon gelaufen.