Dankbarkeit war Spenglers Stärke nicht: Nirgendwo merkt er an, daß bereits 1897, also volle zwei Jahrzehnte vor Abschluß seines ersten Bandes, Ulrich von Wilamowitz-Moellendorf als „Weltperioden“ begriffen und beschrieben hat, was dann in „Untergang des Abendlandes“ Spengler als angeblich seine Vision von in sich abgeschlossenen, einander durchaus fremden „Kulturen“ ausgibt. Auf dem Höhepunkt wilhelminischer Fortschrittsprotzerei, ausgerechnet an Kaisers Geburtstag, sagte in Göttingen Wilamowitz – und vollzog damit die „kopernikanische Wende“ in der Geschichte-Schreibung, deren Spengler sich zwanzig Jahre später rühmte –: „Halbbildung ... schaut auf der Väter Zeiten nur um sich daran zu weiden, wie herrlich weit sie’s selber gebracht hätte ... Aber auch viele Einsichtigere lassen sich durch den ungeheuren Fortschritt der materiellen Kultur... zu einer materialistischen Auffassung der Weltentwickelung verführen, die ebenso unphilosophisch wie ungeschichtlich ist. Es bedarf gar keiner Spekulation... die Kultur kann sterben ...“

Zuvor hatte Wilamowitz sarkastisch den „Wahnglauben nicht nur an den ewigen Fortschritt, sondern an die erreichte goldene Zeit“ im Augusteischen Zeitalter und der Kaiser-Pius-Epoche auf eine Weise dargestellt, die jedem seiner Göttinger Zuhörer die Parallele zur gegenwärtigen wilhelminischen Fortschrittsseligkeit geradezu aufzwang; und hatte erläutert, es sei allenfalls erlaubt, „wenn man nur an den Okzident denkt, eine aufsteigende Linie der Kultur seit Christi Geburt zu konstruieren, so daß durch einen einmaligen Akt... eine der Vollendung zustrebende Weltperiode eröffnet wäre.“

Hatte auch Ortega y Gasset, der die Einleitung zur spanischen Ausgabe des „Untergangs“ schrieb, „einen der großen Fehler Spenglers“ darin gesehen, „seine Ideen, die zuvor mehr oder weniger von anderen zum Ausdruck gebracht worden waren, als exklusiv und eigenständig darzustellen“, so sah Ortega aber auch genau hier die Legitimation Spenglers: daß er „Gedanken formulierte, die im Scnoß unserer Zeit pulsieren“, und man „anerkennen muß, daß Spengler für sie das Prägungsrecht erworben“ hat. Anderen waren Spenglers (von ihm stets unerwähnte) Anleihen bei anderen aufgefallen. Ludwig Marcuse, Hörer von Breysig, spricht von dem „tief verehrten Historiker, der Spengler und Toynbee vorwegnahm“. Doch Spengler hat ja nicht einmal Seeck erwähnt, dessen „Geschichte des Untergangs der antiken Welt“, sechs Bände, Spengler – nach einem Bericht seiner Schwester, die ein interessantes Tagebuch schrieb – genau in dem Augenblick in einem Schaufenster sah, als er 1912 unter dem Eindruck der Marocko-Krise seine im Vorjahr, anläßlich des „Panthersprungs“ nach Agadir begonnene weit politische Niederschrift zu der welthistorischen erweitert hat, die er dann „Untergang des Abendlandes“ nannte. Spenglers Biograph Koktanek kommentiert: „Das vermittelnde Glied ist der durch Seecks Titel evozierte Begriff des Untergangs der Antike. Merkwürdigerweise bezieht sich Spengler nirgends auf Seeck... Er schweigt aber auch von Gibbon, von Lamprecht... und von Breysig. Erwähnt er Augustinus oder Montesquieu, so geht er nie auf deren geschichtsphilosophisch bedeutende Werke ein ... Ob sich darin Absicht ausdrückt, Verwischung eines Zusammenhangs, Distanzierung durch Schweigen“, fragt Koktanek. Immerhin gibt Spengler zu: „Ein Gedanke von historischer Notwendigkeit .. ., der nicht in eine Epoche fällt, sondern Epoche macht, ist nur in beschränktem Sinne das Eigentum dessen, dem seine Urheberschaft zuteil wird. Er gehört der ganzen Zei; er. ist im Denken aller unbewußt, Wirksam.“ Doch dieses allzu neutrale – so neutral. wie Öpengler sonst nirgendwo formulierte – Zugeständnis („im Denken aller“) und die sehr auffällige Tatsache, daß er ausgerechnet den umfassendsten Altphilologen mindestens einer Epoche, so viele Autoren Spengler auch sonst in seinen Quellen angibt, nur einmal und mit schnöder Beiläufigkeit abwertend erwähnt, angesichts eines total unerheblichen Vorwürfe, „der Erbwille im frühesten Königtum“ der Griechen werde von Wilamowitz unterschätzt, sind Belege genug, wie eifrig Spengler bemüht war, ausgerechnet den zu verstecken, der für die Periodenfolge das Bild der Kette aus in sich geschlossenen Ringen – man kann geradezu sagen: die Ketten-Parabel –, gefunden hat!

Und der damit die Illusion hinwegfegte, es gäbe Kontinuität in der Geschichte: Eine Entdeckung, die beinahe alle weiteren revolutionären in „Untergang des Abendlandes“ schon einschloß. Denn wo keine Einheit ist, kein Zusammenhang da, kann logischerweise keine einheitliche, alle Zeiten und Zonen übergreifende, die geschichtlichen Gewalten: Ideen und Gewalthaber verbindende Ziel-Vorstellung die Geschehnisse dirigiert haben. Warum auch sollte ein Chinese oder Peruaner oder Ägypter zur Zeit von Christi oder Hitlers Geburt irgendeine Wunschvorstellung für den Weg der Menschheit gehabt haben, die mit der eines Europäers oder Afrikaners oder Japaners auch nur im geringsten übereingestimmt hätte? Schon die Vergeringsten eine solche geistige oder religiöse oder militärische Gemeinsamkeit sei dennoch möglich gewesen, ist so albern, daß nur eines noch alberner ist: die Tatsache, daß Jahrtausende lang als geistige Epidemie dieser Wahn, die Menschheit sei unterwegs zu einem gemeinsamen Endziel, terroristisch vorherrschte im Denken auch erlauchtester Geister.

Daß Spengler in der sogstark geschriebenen, alles Weitere schon subsummierenden Einleitung radikal und überzeugend die „Religion“ auch der Marxisten verhöhnt – den Gedanken, in dem sie sich nicht von den Christen unterscheiden, so wenig wie von allen anderen Ideologen –, daß nämlich ausgerechnet die Weltgeschichte ein Läuterungsprozeß sei, etwa auch Auschwitz und Hiroshima laut Hegel „vernünftig, weil wirklich“ waren, Geschichte demnach ein Heilsgeschehen sei, durch das Gott oder das Proletariat die Menschheit einem (von allen und zu allen Zeiten) einheitlich ersehnten himmlischen oder irdisch-klassenlosen Paradies zusteuere: hat freilich auch dazu geführt, daß seit 1945 keine Zeile Spenglers östlich der Elbe gedruckt werden durfte. Obgleich doch Spengler die Russen, die Völkerschaften zwischen Weichsel und Amur, die Träger des neunten, des kommenden Kulturkreises nennt, der etwa vom Jahre 2200 an – spätestens, laut Spengler – den abendländisch-amerikanischen abgelöst haben soll, kulturell und auch in der Führung der Welt...

Spengler faszinierte seine Zeitgenossen von Thomas Mann bis Mussolini, von Jünger bis Heuss und Malraux in einem Maß, das durchaus nachvollziehbar dem ist, der Spengler heute liest Beispiel: Benn hat Nietzsche den Lyriker als seinen Sprachlehrer zeitlebens höher gestellt als jeden anderen Autor, als Denker aber stellte er Spengler über Nietzsche: „Er kannte noch nicht die These von der Morphologie der Kulturkreise, diese neue und zusätzliche Relativierung und Atomisierung unseres Lebensgefühls ... er dachte im wesentlichen europäisch.“ Bemerkenswert ist auch, daß Benn Spengler als den Kronzeugen für seinen strategischen Weitblick zitiert, wo er, und übrigens ganz erstaunlich früh, seinem Freund Oelze Hitlers Untergang in Rußland vorankündigt, nur dreieinhalb Monate nach Beginn des Feldzugs: „1942: das Jahr der Entscheidung. Ich vermute im Sinne Spenglers. Der dritte Band seines Hauptwerks wird nicht in Papier erscheinen, sondern als Schlachtfeld und Generalstabskarte.“

Vermutlich sind keinem Buch sonst derart viele unhaltbare Behauptungen auf Grund überstrapazierter Analogien „angekreidet“ worden von zahllosen gekränkten Gelehrten wie Spenglers „Umrissen einer Morphologie der Weltgeschichte“, so sein Untertitel. Dennoch – auch trotz der sehr bemerkenswerten Unehrlichkeit Spenglers, den Zeitgenossen weiszumachen, nur einen Lehrer gehabt zu haben, Goethe, als der seinen kurzen Aufsatz „Geistesepochen“ schrieb dennoch dürfte „Der Untergang des Abendlandes“ das Lebensgefühl der Europäer im zwanzigsten Jahrhundert stärker erschüttert haben als jedes andere Werk. Und ihren Blick geweitet. Als André Malraux von seinem Besuch bei Mao nach Paris zurückgekehrt war, 1974, antwortet er auf die Frage: „Glauben Sie, daß wir am Ende einer Zivilisation stehen?“ – mit Spengler! Der Franzose sagte: „Zweifellos. Spenglers enormer Beitrag zur Geistesgeschichte war, daß er – eine Idee Goethes wiederaufnehmend – die Zivilisationen wie Pflanzen oder Tierarten betrachtete. Sie waren das, was er Organismen nannte. Demzufolge besitzt jede Zivilisation ihre Jugend, ihre Reife und ihren Untergang, besitzt also ein Schicksal. Jede Kultur endet auf analoge Weise...“