Von Roger de Weck

Paris, im September

Man hat sich daran gewöhnt, daß Libyens Diktator Muammar al-Ghaddafi so manche Ehe schließt, aber keine vollzieht. Sechsmal schon in den vergangenen zwölf Jahren wollte er seine bevölkerungsarme, aber ölreiche Heimat mit einem anderen Land vereinigen – alle zwei Jahre wieder tanzte er auf einer neuen Hochzeit, und die Weltöffentlichkeit schaute amüsiert zu. Der Zusammenschluß mit Sudan, mit Ägypten, mit Tunesien, mit dem Tschad, geschweige denn mit Syrien – niemand nahm ihn wirklich ernst.

Ganz anders aber die hektische Reaktion der Anrainerstaaten und der Großmächte auf die jüngste Union zwischen Libyen und Marokko: Alle sind ratlos und beunruhigt. Und alle sind sich einig, daß der am 13. August in der marokkanischen Stadt Oujda geschlossene Staatsvertrag bedeutende politische Veränderungen in der strategisch wichtigen Region des Maghreb – die sich von Libyen bis Mauretanien erstreckt – haben wird. Das diplomatische Karussell ist bereits in Fahrt gekommen, Staatschefs, Außenminister und geheime Unterhändler haben alle Hände voll zu tun. Erzürnt schickte Präsident Reagan seinen Mann für heikle Missionen, Vernon Walters, nach Marokko. Selbst Frankreichs Präsident François Mitterrand packte das Reisefieber und er begab sich vorige Woche gleich zweimal auf geheimnisvolle "Privatreisen" nach Marokko.

Grundverschieden also die Einschätzung des libysch-marokkanischen Bündnisses im Vergleich zu früheren, ähnlichen Versuchen. Unterschiedlich aber auch die Entstehung der "Arabisch-Afrikanischen Union", so deren offizielle Bezeichnung, die mit Bedacht suggeriert, daß sich früher oder später auch Staaten außerhalb des Maghreb anschließen können. Sämtliche Verlautbarungen aus Libyens Hauptstadt Tripolis wie auch aus der marokkanischen Kapitale Rabat stimmen darin überein, daß diesmal nicht Oberst Ghaddafi, sondern sein neuer Partner Hassan II. die Initiative zum Vertragswerk übernommen hatte.

Im Magazin Jeune Afrique berichtete Marokkos König auf seine Weise über den Beginn der Verhandlungen. Am 13. Juli habe er in seinem Palast den Ghaddafi-Berater Zoui und den libyschen Botschafter empfangen. Was sich als ein diplomatischer Routinebesuch anzubahnen schien, nahm plötzlich eine dramatische Wende, als Hassan II. unvermittelt einen "Einfall" hatte, den er seinen verwunderten Gästen gleich zum besten gab: "Verwirklichen wir doch eine Union zwischen Libyen und Marokko! Teilen Sie meinen Vorschlag Seiner Exzellenz, dem Obersten (Ghaddafi) mit Und der König erzählte weiter: "Zwei Tage später kam seine Antwort. Er war zugleich glücklich und in hohem Maße überrascht, ja völlig verblüfft."

Sicher war der Libyer froh, ausnahmsweise einmal der Umworbene und nicht der Bewerber zu sein, zugleich aus seiner diplomatischen Isolierung herauszutreten und den Algeriern dabei einen Denkzettel zu verpassen: Im März 1983 hatte Algier mit Tunesien und Mauretanien einen "Verbrüderungsvertrag" vereinbart. Ghaddafi konnte es nicht verwinden, daß er unter eher fadenscheinigen Vorwänden als vierter Partner nicht zugelassen worden war.

Gleichwohl beurteilte der libysche Diktator die neue Union ebenso realistisch wie Hassan II. In der vierstündigen Rede, die Ghaddafi am Wochenende zum 15. Jahrestag seiner "grünen Revolution" hielt, in Anwesenheit des marokkanischen Premiers, zeugen zwei Sätze von besonderem Zynismus: "Der Vertrag ist fast gänzlich vom König (Hassan II.) formuliert worden, und ich habe nicht viel daran geändert, denn ich will, daß Marokko die Verantwortung trägt. Wenn also morgen etwas geschieht, soll man nicht uns zur Rechenschaft ziehen." Das Bündnis zwischen dem konservativen Monarchen und dem nimmermüden Revolutionär, der eine Monarchie gestürzt tat, wurde in der Tat von Hassan II. sorgfältig vorbereitet, er zog sogar einen prominenten französischen Staatsrechtler hinzu. Welch ein Kontrast zu dem bereits, nach zwei Tagen widerrufenen Zusammenschluß zwischen Libyen und Tunesien vor zehn Jahren! Damals war der Fusionsvertrag flugs auf Briefpapier des Hotels aufgesetzt worden, in dem sich Tunesiens Präsident Bourguiba und Libyens Ghaddafi getroffen hatten.

Im Gegensatz zu damals ist von überholter panarabischer Romantik heute keine Rede mehr. Jeder Partner verfolgt kühl berechnend seine eigenen nationalen Interessen, den maghrebinischen Einheitsbemühungen erweisen Ghaddafi und Hassan II. dagegen einen Bärendienst. Denn Algerien, zwischen Libyen und Marokko eingekeilt, sieht im Vertrag eine Bedrohung; es vermutet geheime militärische Klauseln. Die alte, heftige Rivalität zwischen Algerien und Marokko – manche vergleichen sie mit der säkularen Feindschaft zwischen Deutschland und Frankreich – äußerte sich bereits 1963 im "Sandkrieg" und danach im schon neun Jahre währenden Konflikt um die ehemalige Spanische Sahara. Nun hat diese Gegnerschaft neuen Auftrieb erhalten, zumal der Vertrag in Oujda, unweit der algerischen Grenze geschlossen worden ist.

Nicht zuletzt geraten die von den Algeriern – und bisher auch von Libyen – unterstützten und als Staat offiziell anerkannten Saharaouis, die gegen Hassan Krieg führen, in eine noch schwierigere Lage. Bereits haben die Marokkaner in der Wüste, nahe der algerischen und mauretanischen Grenze, drei "Mauern" errichtet, um die Angriffe der Polisario-Guerilla abzuwehren – mit Erfolg. Der Polisario in der Westsahara fehlen schlagkräftige Waffen. Nun müßte überdies Ghaddafi die Aufständischen gänzlich fallenlassen. Besagt doch Artikel 12 des libysch-marokkanischen Unionsvertrages: "Jeder Angriff auf einen der Staaten wäre ein Angriff auf den anderen."

Ob Ghaddafi das wörtlich nimmt, ist ungewiß. Denn noch bei den Revolutionsfeierlichkeiten am Wochenende lobte er die "mutigen Kämpfer" der Polisario, hatte er einen hohen saharaouischen Funktionär zu Gast. Gleichwohl erhofft sich Hassan II. nicht nur Wirtschaftshilfe und billigeres libysches Öl, sondern auch einen taktischen und politischen Gewinn in dem seit neun Jahren währenden ruinösen Sahara-Krieg um 286 000 Quadratkilometer Wüste. Doch nicht nur die Algerier und ihre saharaouischen Schützlinge sind durch Hassans Coup verunsichert worden. Auch in Mauretanien und im Tschad werden die Folgen spürbar werden. In beiden Ländern ist Frankreich militärisch präsent – diskret mit einigen Dutzend Beratern und Instruktoren in Mauretanien, mit 3200 Mann im Tschad.

Mauretanien: Am 20. Juli hatte König Hassan gedroht, Saharaoui-Guerillas notfalls bis auf mauretanisches Gebiet zu verfolgen. "Wir nehmen diese Drohung ernst", antwortete der mauretanische Generalstabschef, dem die Franzosen seither auch mit Observationsflügen über mauretanisches Territorium zu Diensten sind.

Tschad: Könnte angesichts der guten marokkanisch-französischen Beziehungen König Hassan II. eine Vermittlerrolle im Bürgerkrieg übernehmen, der zu einem Konflikt zwischen Libyen und Frankreich ausgeartet ist?

Kurz vor dem Referendum über die Union, der 97,04 Prozent der Marokkaner und alle 1347 libyschen Volkskongresse zustimmten, flog Frankreichs Präsident zu einem ersten Privatbesuch nach Isran, der malerischen Sommerresidenz Hassans II. Die Reise sollte geheimgehalten werden und wurde erst durch eine marokkanische Indiskretion bekannt. Das hinderte Mitterrand nicht daran, sich nach dem Referendum ein zweites Mal nach Isran zu begeben und zwischen zwei Golfspielen mit Hassan zu besprechen. Worüber? Über den Tschad, wie die französische Presse mutmaßte? Über eine großangelegte nahöstliche Initiative Frankreichs, eventuell im Zusammenhang mit dem Rückzug der israelischen Truppen aus Südlibanon, wie der Marokkokenner und einstige Mitterrand-Minister Michel Jobert zu glauben weiß? Einzelne Indizien sprechen für diese These, so etwa die Besuche des syrischen Präsidenten Assad in Tripolis und Algier wie auch die sibyllinischen Äußerungen des französischen Außenministers Cheysson.

Jedenfalls schien es Mitterrand eilig zu haben, obwohl er keinen schlechteren Zeitpunkt für seinen Marokko-Besuch wählen konnte. Während er in Isran war, beendeten 28 politische Gefangene ihren Hungerstreik, dem drei erlegen waren. Und durch seine Präsenz vor und nach dem Referendum erweckte er den Eindruck, den Oujda-Vertrag zu unterstützen. Die Algerier waren entsetzt, obwohl Mitterrand seinen Außenminister Cheysson zu ihnen entsandte, der den Staatschef Chadli vergeblich zu besänftigen versuchte. Frankreich, auf gute Beziehungen zu allen Maghreb-Staaten bedacht, hat in den Augen der Algerier die Neutralität nicht gewahrt. Und mit seinem zweimaligen Besuch erschien Mitterrand als Bittsteller bei Hassan, der durch seinen Vertrag mit Libyen "aufgewertet" worden ist. Der einstige Außenminister Jean François-Poncet kritisiert die "diplomatiespectacle". Am Ende des Spektakels erhoffen die Zuschauer wenigstens eine packende Schlußszene.