Pazifisten wollen Manöver behindern – droht ein neuer „heißer Herbst“?

Von Michael Schwelien

Fulda, im September

Zweideutig hatte sich Franz Nadler eigentlich nicht ausgedrückt. Zwar deutete der junge Pazifist während des Treffens der „Arbeitsgruppe Aktionsherbst ’84“ nur listig an: „Falls keine Manöver stattfinden, kann man ja die für die Zivilisation gefährlichen Straßenlöcher zumachen.“ Doch die fünfundzwanzig Friedensaktivisten im verräucherten Hinterstübchen der Gaststätte „Weisses Ross“ im osthessischen Steinau wußten genau, was damit gemeint war. Franz Nadler und die Leute vom „Internationalen Friedenscamp Grebenhain“, die er in Steinau vertrat, wollen, „das ist doch ganz klar: die Sprengkammern zuschmieren“.

Osthessen, das sogenannte „Fulda Gap“, gilt westlichen Militärstrategen als eine der Einfallschneisen für die Truppen des Warschauer Pakts. An Brücken, Straßen-Engpässen und Abhängen sieht man auffällig viele Kanaldeckel. Darunter liegen Schächte, die im Ernstfall mit Sprengstoff gefällt und in die Luft gejagt werden können. 141 dieser Schächte sind besonders tief. Sie könnten mit atomaren Sprengsätzen bestückt werden. Zebra-Package nennen die Amerikaner dieses Atomminen-Paket. Insgesamt hat es siebzehnmal die Sprengkraft der Atombombe von Hiroshima.

Die Friedenscamper um Franz Nadler wollen die Schächte auf jeden Fall zubetonieren. Sollten überdies die Herbstmanöver in Osthessen stattfinden, dann wollen Friedensdemonstranten einen „gemeinsamen Flugtag“ veranstalten. Eine Anleitung dafür ist im Rundbrief „Ziviler Ungehorsam ’84“ zu finden: „Fluglärm, Tiefflieger- und Hubschrauberangriffe auf zivilisierte Menschen sind die größte Unverschämtheit der Militärs beim Manöver. Wenn wir das während der Aktion verhindern können, war’s ein großer Erfolg.“ Nur die Methode ist noch umstritten: Aluminium-Drachen oder Ballons? Immerhin wollen die Demonstranten nicht gleich die Tiefflieger und Hubschrauber „vom Himmel holen“. Sie hoffen vielmehr, „daß die Militärs durch die Ankündigung der Aktion den Flugbetrieb einschränken“.

Seit die Friedensbewegung die Stationierung der Pershing-II-Raketen im Herbst 1983 nicht hatte verhindern können, zerstritt sie sich in endlosen Aktionskonferenzen, die vor allem eines verrieten: Frustration. Doch dieser Tage hat der Bonner Koordinationsausschuß der Friedensbewegung einen gemeinsamen Aufruf für den „Friedensherbst ’84“ herausgebracht. Am 29. September „wird ein über hundert Kilometer langes Menschennetz verschiedene Militärstandorte in Osthessen miteinander verbinden“. Am 20. Oktober soll eine Menschenkette von Hasselbach im Hunsrück bis zu den Mannesmann-Werken in Duisburg gezogen werden.