Von Ulrich Greiner

IEin Bericht über die 41. Filmfestspiele von Venedig müßte versuchen, die Heiterkeit dieses Festivals zu schildern, diese Stimmung aus Unernst, Müßiggang und Schaulust, die heiße und milchige Sonno, die über der Lagune steht und die angeregte Menge der Journalisten, Kameraleute und Filmstars sanft zur Mäßigung nötigt, die abendlichen Filmvorführungen unter freiem Himmel, entweder draußen in der Arena am Lido oder drinnen auf dem Campo San Polo, wo sich jede Nacht ein gutes Tausend schwatzender und lachender Italiener zu jenem festlichen Ereignis versammelt, das Kino immer noch sein kann.

Aber es gab unter den mehr als hundert Filmen zwei, die nicht heiter waren, sondern finster und schrecklich, die Filme „Wundkanal – Hinrichtung für vier Stimmen“ von Thomas Harlan und „Unser Nazi“ von Robert Kramer. Wie ein böser Traum beherrschten sie das Festival und die Diskussionen. Sondervorführungen fanden statt, weil immer noch nicht alle die Filme gesehen hatten, und verstört, erregt, haßerfüllt kam man aus dem Kino, und in der Luft lag der alte, nie endende Streit über den nie endenden Faschismus. Es ging nicht mehr um so harmlose Dinge wie Kunst oder Kino, sondern um einen rechtskräftig verurteilten Massenmörder, um die filmische Hinrichtung dieses Mannes durch Thomas Harlan und um die Dokumentation dieser Hinrichtung durch Robert Kramer.

Da er die Schamlosigkeit besaß, in Harlans Film für eine Gage von 50 000 Mark als Hauptdarsteller aufzutreten, kann man den Namen des Mannes nennen: Es ist Dr. jur. Alfred Filbert, heute 79 Jahre alt. Er trat 1932 in die NSDAP und in die SS ein, promovierte 1933 über Konkursrecht, wurde SS-Obersturmbannführer, war seit 1935 stellvertretender Amtschef im Reichssicherheits-Hauptamt unter Heydrich, wurde 1941 Führer des Einsatzkommandos 9 und war mitverantwortlich für die Erschießung von mindestens 11 000 Juden in den besetzten Ostgebieten. Nach dem Krieg brachte er es bis zum Bankdirektor. Er wurde 1959 verhaftet und 1963 zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt. 1975 wurde er wegen fachärztlich festgestellter Haftunfähigkeit freigelassen.

Dieser Mann, ein deutsches Monstrum aus Pflichttreue und Ehrbarkeit, spielt bei Harlan nicht irgendeine Rolle, sondern sich selber. Er tritt auf als Zeuge seiner eigenen Vergangenheit, die leider auch die unsrige ist, und er ist ein typischer, ein jämmerlicher Zeuge: einer, der sich an nichts erinnern kann, der vieles nicht gewußt hat, der nicht anders konnte als zu gehorchen, der Verantwortung von sich weist. Ein widerwärtiger Fall.

Widerwärtig ist aber auch, was Harlan daraus macht. Er, der 55jährige Sohn des berühmten Nazifilmregisseurs Veit Harlan („Jud Süß“, 1940), übt an Filbert stellvertretend Rache, treibt ihn in die Elise, unterzieht ihn einer psychischen Folter. Mit Hufe von Scheinwerfern, Kameras und Monitoren, die das Verhör vielfach reproduzieren, stellt er eine terroristische Situation her. Anstatt die Gelegenheit zu nutzen, diesen Mann sorgfältig zu befragen und daraus ein Lehrstück deutscher Geschichte zu gewinnen, zerstört Harlan die dokumentarische Brisanz des Falls und zielt auf Höheres, auf Kunst irgendwie, auf eine Art Oratorium, in dem er all das, was ihn bedrängt, zu einem infernalischen Tohuwabohu zusammenknäult: Stammheim und die Terroristen, Auschwitz und die Wiederkehr der Nazis, schließlich die Abrechnung mit dem eigenen Vater. Sein Film suggeriert erstens, die-Terroristen in Stammheim seien umgebracht worden; zweitens, Stammheim sei von den ehemaligen Nazikollegen Filberts konzipiert und gebaut worden.