Kommunistische Jugend – das war „kleben“ gehen, auskundschaften, wo sich Polizei befand, diskutieren mit der Sozialistischen Arbeiterjugend, wandern am Wochenende, „keinen Alkohol trinken“.

Bei der Kommunistischen Jugend lernte sie auch Dagobert Biermann kennen. Er hatte eine Talmud-Thoraschule besucht, höhere Bildung aber ausgeschlagen, „da er sonst in der Synagoge hätte singen müssen“, und statt dessen bei der Werft Blohm & Voss eine Lehre als Schlosser und Maschinenbauer gemacht. Zusammen mit dem Gesellenbrief bekam er, wegen seiner Tätigkeit als kommunistischer Jugendvertreter, seine Entlassung und war fortan arbeitslos. 1927 heirateten er und Emmi. 1933 wurde er das erste Mal verhaftet, weil er im Atelier eines Hamburger Kunstmalers eine illegale kommunistische Zeitung gedruckt hatte. Zwei Jahre lang saß er in Lübeck im Gefängnis.

Als der Direktor der Blindenanstalt in der Zeitung auf die Meldung stieß, ein Dagobert Biermann sei von der „wie Ziethen aus dem Busch“ operierenden Polizei festgenommen worden, beorderte er Emmi zu sich und entließ sie auf der Stelle.

Dago Biermann kam 1935 aus dem Knast und nahm noch auf dem Nachhauseweg seine nunmehr vollends illegale politische Arbeit wieder auf. Zusammen mit Emmis Bruder, der Ewerführer im Hamburger Hafen war, sammelte er bald Daten über Schiffe, die heimlich Waffen und Munition aus Nazideutschland zu den Franco-Truppen in Spanien brachten. Ein jüdischer Rechtsanwalt, mit dem Dago Biermann im Lübecker Gefängnis immer Schach gespielt hatte, leitete die Information ins republikanische Spanien weiter. Sie wußten: „Wenn sie uns schnappen, kostet es den Kopf.“

Geschnappt wurden sie 1937, vier Monate nachdem Emmi einen Sohn geboren hatte. „Die kamen mit drei Mann hoch. Ich war gerade im Wohnzimmer und hab’ das Kind gestillt. Da hör’ ich mit einem mal das Ballern an der Tür. Schnell hab ich mein Hemd hochgezogen und bin in die Küche gestürzt. Da stehen drei Mann, jeder mit einer Pistole in der Hand, und der eine sagt zu meinem Bruder: Sie sind verhaftet. Dann dreht er sich um und sagt auch zu meinem Mann: Sie sind verhaftet. Ich stehe in der Tür und schrei: Was, mein Mann auch? Ja, Sie auch – los, anziehen. Und da hab’ ich ja nur geschrien: Mein Kind, mein Kind! Ich mußte ihm das schlafende Kind zeigen. Da hat Wolf mich gerettet. Sonst hätten sie auch mich mitgenommen.

Der Prozeß fand 1939 vor dem eigens angereisten Volksgerichtshof statt. Der Rechtsanwalt zum Tode verurteilt und hingerichtet, der Bruder freigesprochen, Dagobert Biermann zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Er verbüßte sie in Bremen, sommers in einem Arbeitslager im Emsländer Moor beim Torfstechen.

Alle vier Monate durfte ihn Emmi besuchen und unter Aufsicht zwanzig Minuten lang sprechen. „Einen Tag hab’ ich gedacht: Mensch, du nimmst einfach mal den Jungen mit. Ins Zuchthaus ließen sie ihn ja nicht rein, da mußte ich ihn draußen beim Pförtner lassen. Aber im Lager hab ich meinen ganzen Charme aufgeboten, ich war ja noch ein junges Weib damals, und den Posten so lange besabbelt, bis er das Kind mit reingelassen hat. Da hat er bei meinem Mann auf dem Schoß gesessen, und mein Mann hat wenigstens noch einmal gesehen, was fürn schönen Jungen er hatte. Er sollte ihm was vorsingen, er sang schon als Kind immer, wir sangen alle zu Hause – und Wolf singt seinem Vater „Bomben auf Engelland’ vor! Mein Mann hat nur gegrinst. Der wußte, daß er das von mir nicht gelernt hat, daß er das überall zu hören kriegte. Als wir gingen, waren in dieser langen Baracke alle Gefangenen am Fenster, und Wölflein dreht sich um und ruft: Papa Papa, Hummel Hummel! Ich hab’ ihn ja so erzogen, daß ihm sein Vater nicht fremd war.“