Von Rolf Michaelis

Überwältigend, und überwältigend schön: die lange letzte Einstellung des ungewöhnlichen, sehenswürdigen und – genau so wichtig – hörenswürdigen Filmes "Klassenverhältnisse", den Danièle Huillet und Jean-Marie Straub nach Franz Kafkas Amerika-Roman "Der Verschollene" gedreht haben.

Wie oft in diesem Film ist die Kamera so – nein, nicht geführt, sondern starr fixiert, daß der Zuschauer die Welt so sieht, wie sie sich der Hauptfigur darbietet, dem siebzehnjährigen Karl Roßmann, den Kafka im ersten Satz des Buches so vorstellt: "Der von seinen armen Eltern nach Amerika geschickt worden war, weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm bekommen hatte." Wie Karl und sein Freund, der Liftboy Giacomo, schauen wir aus dem Fenster eines Zuges, der an einem breiten Strom entlang fährt. Weil der Film fast ganz im Hamburg gedreht wurde, denkt man, das strömende Wasser, in das Buhnen ragen, sei die Elbe. Aber je länger Huillet/Straub diese Halbtotale halten, desto klarer wird, daß ein so gewaltiges Bild unberührter Natur an keinem deutschen Fluß mehr zu gewinnen ist. Und noch immer, während schon der Abspann über das Bild gelegt wird, ziehen Bäume am Fenster vorbei, rattert der Zug über die dem Flußlauf folgenden Gleise, gibt das in Deutschland fremde, dunkle Hupen der Lokomotive zu verstehen, daß wir wirklich, wie Karl und Giacomo, in Amerika sind, auf der Fahrt, den Missouri entlang, zum "großen Teater von Oklahoma, das jeden brauchen kann. Jeder ist willkommen".

Nach den Innenaufnahmen zuvor, engen Stuben, Korridoren in seltsam diffuser Beleuchtung, die an Kafkas "trübes, längst abgebrauchtes Licht" vom Anfang des Romans denken läßt, nach den Aufnahmen im Steingebirge der Großstadt erweckt dieses Gegenbild majestätischer Natur während dieses unendlichen letzten Augenblicks des 127 Minuten langen Schwarzweißfilms im Zuschauer einen Rausch von Freiheit, einen Triumph der Utopie – und ist doch "nur" Verwandlung in Bild und O-Ton jener Sätze aus dem letzten Fragment zu Kafkas unvollendet gebliebenem Roman der Jahre 1912 bis 1914: "Sie fuhren zwei Tage und zwei Nächte. Jetzt erst begriff Karl die Größe Amerikas. Unermüdlich sah er aus dem Fenster ..."

Unermüdlich sieht der Zuschauer dieses Films durch das Fenster, zu dem Huillet/Straub die Leinwand werden lassen, in eine von "Klassenverhältnissen" entstellte Welt. Wir sehen keine "Verfilmung" von Kafkas Amerika-Roman, sondern einen "richtigen", einen eigenen Film des Paares Huillet/Straub, der ihren besten Arbeiten vergleichbar ist ("Machorka-Muff", 1962; "Chronik der Anna Magdalena Bach", 1967; "Othon", 1969; "Moses und Aron", 1974). Es ist die zugleich freie und doch Kafkas Text treu, nicht sklavisch folgende Umarbeitung, filmischer Kommentar zu einem literarischen Werk.

Die Spannung, die Roßmanns Welt, also unsere, zerreißt, wird mit den ersten beiden Einstellungen, vor jedem gesprochenem Wort aufgebaut, Lang richtet sich der Blick der Kamera auf ein Denkmal. Daß es die Störtebeker-Statue im Hamburger Hafen ist, muß man nicht wissen. Daß wir einen gedemütigten Menschen sehen, einen "von unten", bringt uns der Blickwinkel bei: Wir sehen den Seeräuber mit dem Herzen für die Armen so von unten, daß immer noch der Kanal-Deckel zwischen regennassen Pflastersteinen im Bild ist.

Die zweite Einstellung entführt uns vom Hamburger in den Hafen von New York. Das Auswanderer-Schiff der Hamburg-Amerka-Linie fährt unter der Freiheitsstatue vorbei. Im ersten Satz von Kafkas Roman-Fragment hält die Stein-Riesin, Kafka nennt sie "Freiheitsgöttin", keine Fackel, sondern – "Klassenverhältnissen" eher entsprechend – ein "Schwert... und um ihre Gestalt wehten die freien Lüfte".