Die Bildschirm-Kinder

Sind Kinder heute noch, wie Kinder sein sollen? Darüber streiten die Gelehrten. Zunder erhielt die Diskussion der Kindheits- und Medienforscher durch einen Beitrag aus Amerika, der suggeriert, daß sich der Gegenstand vielfältiger wissenschaftlicher Untersuchungen bereits verflüchtige. In seinem Buch "Das Verschwinden der Kindheit"* behauptet Neil Postman, Professor für Medien-Ökologie in New York: "Wir haben Kinder, die sich nicht mehr auf die Erwachsenen und deren Wissen verlassen, sondern auf Nachrichten aus dem Nirgendwo; wir haben Kinder, die Antworten bekommen auf Fragen, die sie nie gestellt haben. Kurzum, wir haben keine Kinder mehr."

Belege dafür sieht Postman allenthalben in der amerikanischen Gesellschaft. Zwölfjährige, die dem Publikum als sexuell aufreizende Erwachsene präsentiert werden, gehören zu den bestbezahlten Photomodellen in den USA. Erwachsene und Kinder kleiden sich nach derselben Mode. Kinder spielen keine Kinderspiele mehr; sie spielen – mit Trainer und Schiedsrichter – die Spiele der Erwachsenen, sie sehen die Fernsehprogramme der Erwachsenen, sie begehen die Straftaten da Erwachsenen. Zwischen 1950 und 1979 ist die Zahl der von Kindern und Tugendlichen unter fünfzehn Jahren begangenen schweren Verbrechen um das Hundertzehnfache gestiegen. "Wohin man sieht", sagt Postman, "überall stellt man fest, daß sich das Verhalten, die Sprache, die Einstellungen und die Wünsche – und selbst die äußere Erscheinung – von Erwachsenen und Kindern immer weniger voneinander unterscheiden." In Frankfurt, wo er seine Thesen in einer Podiumsdiskussion verteidigte, sagte er voraus, bis zum Jahr 2000 werde das Wahlalter bis auf fünfzehn Jahre gesenkt sein.

Gutenbergs Werk

Daß "Kindheit" aus unserem Leben verschwindet, lastet Neil Postman unmittelbar dem dominierenden elektronischen Medium, dem Fernsehen, an. Die "Idee" von Kindheit, die Vorstellung von Kindheit, wie wir sie heute haben, ist, so argumentiert er, überhaupt erst möglich geworden nach Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks. Ein Kindheitsbegriff als Folge sich entwickelnder Literalität. Erst die Notwendigkeit, lesen zu lernen, machte es auch nötig, abzugrenzen zwischen denen, die lesen konnten, und denen, die man darin noch unterweisen mußte. Bis dahin waren nach Erreichen des "Alters der Vernunft", mit sieben Jahren, den Quellen des Wissens alle gleich nah oder fern, und es bestand kein Grund, "Kindheit" zu konstituieren. Der Kind-Erwachsene war der Regelfall.

Nun ist, folgen wir Postman, die Fernsehkultur im Begriff, wieder aufzuheben, was die Buchkultur begründet hat. Das Fernsehen restauriert jene Bedingung des mittelalterlichen Lebens, wonach zwischen sechs und sechzig alle den gleichen Zugang haben zu den Informationen. Durch das Medium verwischt sich die Grenze zwischen Kindheit und Erwachsensein, der Kind-Erwachsene ist auferstanden. Wieder leben alle in derselben Symbolwelt.

Nein, er hasse das Medium Fernsehen nicht, sagte Postman in Frankfurt. Aber er kreidet ihm an, daß es unterschiedslos allen alles eröffnet – ganz ohne die charakterbildende, persönlichkeitsfördernde Anstrengung der Qualifikation, wie er sie dem gedruckten Wort zuschreibt. Das Fernsehen als eine "Technologie des freien Eintritts", der "totalen Enthüllung", als eine "ziemlich primitive, freilich unwiderstehliche Alternative zur linearen, sequentiellen Logik des gedruckten Wortes" – eine bloße Bilderschau: "Das Fernsehen verlangt keine besonderen Fähigkeiten, und es entwickelt auch keine besonderen Fähigkeiten."

In einer kritischen Auseinandersetzung mit Postman bestreitet der Bremer Sozialwissenschaftler Heinz Hengst nicht, daß in der Gesellschaft Tendenzen der Liquidierung von Kindheit zu erkennen seien, aber er begründet sie anders und wertet sie anders. Man müsse doch fragen, was genau da verschwinde und ob man das generell betrauern müsse: Schwinden Freiräume oder schwinden Kontrollräume? In Frankfurt hielt Hengst seinem amerikanischen Kollegen vor, eine Analyse der komplexen Realität des Kinderalltags unterlassen und die Kindheit bedingungslos an die Buch- und Schulkultur geknüpft zu haben. Literalität im Sinne Postmans sei für die meisten Menschen nie erreichbar geworden. Schule habe stets eher die "Anwesenheit" belohnt, den Kindern durch Triebunterdrückung ein Psychokostüm geschneidert.

Die Bildschirm-Kinder

Hengst hält das "Verschwinden" der Kindheit durch die Öffnung der Zugänge zur kulturellen Vielfalt im Prinzip für begrüßenswert. Kindheit, ein sozialer Status, der nicht zuletzt durch Freistellung von Lohnarbeit definiert ist, bedeute schließlich auch Ausschluß von jedem verantwortlichen Handeln. Man müsse offen sein für veränderte Strukturen, dürfe Kindheit nicht nur als Durchgangsstufe zu einem traditionellen Erwachsensein begreifen. Die Erfahrungen, die Kinder machen – zwar mehr und mehr in denselben Bereichen wie die Erwachsenen, aber auf ihre ganz eigene Weise –, könnten für die Gesellschaft nützlich sein. Neil Postman wirft er vor, es gehe ihm weniger um die Rettung von "Neugier, Charme und Ausgelassenheit" als um die Durchsetzung eines traditionellen Erziehungskonzepts, eines Konzepts, von dem man vermuten darf, daß es zur Bewältigung der Zukunft nicht taugt.

Forderte der New Yorker Medien-Ökologe die Kollegen zur Kritik heraus, so traf er die Vertreter des attackierten Mediums mitten ins Herz. Peter von Rüden, als stellvertretender Hauptabteilungsleiter zuständig fürs Bildungsprogramm des NDR, schlug in der Diskussion zurück: Mit der Zuweisung der Alleinschuld ans Fernsehen habe sich Postman die Realität auf eine handfeste These zurechtgelegt und sei so bestsellerfähig geworden. Wenn er den steigenden Fernsehkonsum der Kinder mit der steigenden Kriminalitätsrate zusammenbringe, müsse man doch fragen: Wo liegen die gesellschaftlichen Ursachen für beides? Als überzeugter Anwalt eines "besseren" Fernsehens führte von Rüden sodann beherzt die NDR-Bildungsprogrammkonzepte – "speziell auch für Kinder" – ins Feld.

Siegfried Mohrhof, Hauptabteilungsleiter Fernsehspiel, Unterhaltung und Familie beim WDR, nahm das eigene Medium in Schutz, indem er den Spieß umkehrte, pädagogische Vorbehalte vergangener Tage gegen das angeblich so viel nützlichere Schrifttum zitierte – beredte Klagen über "die verderbliche Lesesucht". Er nannte es einen Kardinalfehler, Kinder nur als Objekte unserer pädagogischen Bemühungen zu sehen, alles an der pädagogischen Elle zu messen: "Fernsehen kann für Kinder nichts anderes sein als für Erwachsene, nämlich Information." Und: "Fernsehen sollte das Fragenkönnen und das Fragenwollen üben. Als ein Teil unserer Kultur."

Nachts im Walde

Bei diesem Stand der Diskussion sah sich Neil Postman seinerseits gefordert, zu voller Form aufzulaufen. Er hielt den Zuhörern ein launiges Kolleg darüber, was Fernsehen ist – eigentliches Fernsehen, richtiges Fernsehen, amerikanisches Fernsehen nämlich: commercial TV. Wenn es noch eines Beweises bedürfte: "Die Welt kauft ihr Fernsehen in Amerika ein." Postman vom Podium herab in die Versammlung kritischer deutscher Geister: "Ich wünsche Ihnen viel Glück. Ich wünsche, daß Ihre Kultur stark genug ist. Ich hoffe, daß Sie widerstehen. Aber Sie kommen mir vor wie jemand, der nächtens pfeifend durch den Wald geht."

Denken, sagt Postman, gehört nicht zu den darstellenden Künsten. Niemals würde Amerika einen dicken Menschen zum Präsidenten wählen, weil der einfach häßlich aussähe auf dem Bildschirm. Das ist Fernsehkultur, sagt Postman, und daran gemessen ist europäisches Fernsehen für ihn noch gar kein richtiges, sondern ein faules, vertrocknetes, aus der Art geschlagenes Fernsehen – rotten TV.

Die Fernsehleute widersprachen heftig, mochten nicht gelten lassen, daß das Fernsehen im cömmercial TV seinen wahren, jugendverderbenden Charakter zeige. Siegfried Mohrhof beschwor die elektronische Großmutter: Ist das Fernsehen nicht, was der Geschichtenerzähler früher einmal war? Ist nicht eine Verlagerung des Erzähl-, Informations- und Unterhaltungsangebots zu erkennen? Haben wir nicht eventuell nur ein zu sentimentales Verhältnis zum Lesen?

Die Bildschirm-Kinder

Ganz mochte Neil Postman die Funktion des Fernsehapparats als Kulturinstitut nicht leugnen. Es komme ja vor, daß er als Buchstütze benutzt werde oder als Lichtquelle bei Ausfall der Beleuchtung ... Wieder mit dem nötigen Ernst richtete er an die anwesenden Fernsehschaffenden die Gewissensfrage: Wenn sie nicht im Schutze ihrer öffentlich-rechtlichen Anstalten arbeiteten, wenn sie ein Programm machen müßten, das achtzig Prozent der Zuschauer interessiert und dafür das Sechsfache ihres Gehaltes bekämen – ob sie dann nicht auch die sprechenden Häupter vom Bildschirm verschwinden lassen würden?

Postman nennt das Fernsehen eine höchst demokratische Einrichtung: Die Zuschauer wählen immer wieder neu. Eben deshalb ist in seinen Augen das kommerzielle Fernsehen das eigentliche Fernsehen. "Verkaufen" ist das durchgängige Prinzip auch da, wo es nicht direkt um Werbung geht. Die "Sesamstraße" als ein Beispiel für erfolgreiche Umsetzung: Statt Corn-flakes werden eben Buchstaben verkauft. Kinder und Erwachsene sind gleichermaßen als Konsumenten angesprochen.

Während hiesige Fernsehmacher durchaus daran glauben, daß man mit Abbildern die Welt für andere erschließen, daß Fernsehen genauso erkenntnisfördernd sein kann wie die Literatur, besteht für Postman das Spezifische des Mediums gerade darin, daß es keine rationalen Inhalte transportiert. In diesen Tagen erhielt er pikanterweise Unterstützung von höchster Stelle. Kein Geringerer als Ronald Reagan warnte Amerikas Schuljugend: Die Zeit, die man vor dem Fernseher verbringe statt mit der Lektüre eines Schulbuches, sei schlecht genutzt.

Den Einwand seiner Kritiker, er reduziere alles aufs Fernsehen, betrachte das Phänomen in unzulässiger Weise isoliert, akzeptiert Neil Postman nicht. Für ihn ist das Medium nicht einfach eines unter anderen, nicht bloß ein Informations- und Unterhaltungsinstrument. Wäre es so, sagt er, könnten wir hier Schluß machen, einen Drink nehmen. Er sieht in der Television das zentrale Kommunikationsmodell: "Es durchdringt unsere ganze Kultur, ist vielleicht eine neue, verdammte Religion."

Was tun? Wie retten wir den Kindern die Kindheit und Europa die Kultur? Siegfried Mohrhof als einer der im Medium verantwortlich Tätigen forderte dazu auf, die Kinder in den Stand zu setzen, Wert von Unwert, Qualität von Tand zu unterscheiden. Dies freilich könnten nur die Eltern und die Lehrer, das Fernsehen könne es nicht. Mit dem Fernsehen hätten es die Kinder generell schwer; Wert von Unwert zu unterscheiden, sei hier schwieriger als beim geschriebenen Wort: "Es gibt – im übertragenen Sinne – kein ‚Lesebuch‘, kein Übungsbuch fürs Fernsehen."

Es erschallt der Ruf nach mehr Medienpädagogik. Eine deutsche Lösung. Neil Postman kommentierte es in Frankfurt mit freundlichem Spott: "Germany is safe."

*Neil Postman: "Das Verschwinden der Kindheit", S. Fischer Verlag, Frankfurt; 192 Seiten, 25,– DM