An diesem Freitag ist Springflut. Bis dahin müssen die Taucher die letzten Uran Fässer aus dem Wrack des französischen Frachters "Mont Louis" vor der belgischen Küste geborgen haben. Kommt rauhe See, frischt der Wind wieder auf, steigen sich gar zum Sturm oder Orkan, könnte der Schiffsrumpf auf der Sandbank in der Scheidemündung vollends zerbrechen und sein giftiger Inhalt auf den Meeresboden rollen. Niemand weiß genau zu sagen, ob die Stahlcontainer auf Dauer den Gewalten des Meeres trotzen.

"Bergung ist ein Spiel, ein Glücksspiel", sagt Hans Walenkamp, Leiter der holländischen Bereungsfirma "Smit Tak", die zusammen mit einem belgischen Unternehmen auf die wohl 150 Millionen Mark Bergungsgelder scharf ist. Das Risiko ist groß: Lloyds open form: no eure, no pay - Wer nichts hebt, sieht auch kein Geld. Aber Walenkamp, ein Hans Albers Typ, strahlt so viel Zuversicht aus, so viel unwiderstehliche Entschlossenheit, daß man ihm zutraut, seine Leute würden es schaffen. Tatsächlich konnten sie, sobald die See sich beruhigt hatte, binnen vier Tagen schon die Hälfte der 30 Uran Container aus dem geborstenen Vorschiff herausholen.

Auch die Bewohner in den Städten und Dörfern an der belgischen Küste bei Ostende sind nicht in Panik geraten, seit am 25. August da draußen die "Mont Louis" nach einem Zusammenstoß mit der deutschen Kanalfähre "Oku Britannia" gesunken ist. Sie blicken auf ihre Teller mit Muscheln und Fritten und lassen sich den Appetit durch, Schrekkensmeldungen nicht verderben. Die Muscheln kommen ja aus Holland, und die Kartoffeln nicht aus dem Meer. Julien Desseyn, Bürgermeister des Badeortes Middelkerke, erzählt fast" amüsiert, daß der Oberbürgermeister der deutschen Partnergemeinde ihn angerufen habe. In Ettlingen bei Karlsruhe war die Sorge größer als am Ort des Geschehens., < Also ist die ganze! Aufregung der letzten Wochen umsonst gewesen? Alles nur blinder Alarm, wenn europäische Seeleute Gewerkschäften und die Grünen allerorten zum Boykott radioaktiver Seetransporte aufrufen? Nur "bewußte und gewollte Panikmache", wie das Bundesministerium behauptet? Hat die europäische Atomindustrie, haben die Transportunternehmen und die Behörden wirklich alles unter Kontrolle?

So einfach sieht sich die Angelegenheit von Ostende aus denn doch nicht an. Der Gleichmut der sturmerprobten Flamen darf nicht mit Gleichgültigkeit verwechselt werden "Es ist zwar nichts passiert", sagt Julien Goekint, der Bürgermeister von Ostende, "aber es hätte etwas passieren können "

Es war ein Glück, daß die Kanalfähre, die 935 Menschen an Bord hatte, den Atomfrachter in Höhe der Brücke aufriß und nicht vorne arr. Bug, wo die Container mit dem schwach radioaktiven, aber hochgiftigen Uranhexafluorid (UF 6) lagen.

(Zu den vermeintlichen und tatsächlichen Gefahren siehe den Artikel auf Seite 19 ) Es war ein Glück für die Küstenorte, daß dieses Schiffsunglück Ende August geschah und nicht inmitten oder kurz vor der Badesaison.

Es war ein Glück, daß dieses Unglück überhaupt geschah, wurde doch in ganz Europa der Blick für Gefahren geschärft, von denen die Öffentlichkeit bis dahin so gut wie gar nichts ahnte. Vielleicht wäre gar nichts ans Licht gekommen, hätten nicht die Wächter der Umweltschutzorganisation "Greenpeace" aufgepaßt. Dank "Greenpeace hat die Welt erfahren, daß radioaktive Stoffe seit Jahren und in beträchtlichen Mengen rund um den Globus verschifft werden; daß die Transportschiffe unkontrolliert, unangemeldet und ohne besondere Kennzeichen auf den verkehrsdichtesten Meeresstraßen und selbst durch Kanäle und küstennahe Gewässer schippern können; " daß die gefährlichen Frachten auch in Schiffen transportiert werden; die dafür denkbar ungeeignet erscheinen.