Der moderne Leser hat einige Mühe, sich in das Werk des Aristoteles einzulesen, das unter dem Titel "Politik" ediert zu werden pflegt. Das liegt nicht nur daran, daß es niemals als Buch verfaßt worden ist; es handelt sich vielmehr um Skizzen zu einer Vorlesung, die von einem Schüler aus dem Nachlaß zusammengestellt und herausgegeben worden sind, und die Gelehrten finden die Arbeit, die dieser geleistet hat, ziemlich miserabel ("ein Flickschuster ).

Gewiß, das stört; aber größere Schwierigkeiten bereiten doch gleich von Anfang an die rabiaten Bestimmungen, die der Philosoph seiner berühmten Definition vom Menschen als "für das Zusammenleben im Staate bestimmten Wesen", einem zoon politikon, angedeihen läßt. Es ist nämlich keineswegs der Mensch, dem dieser Titel verliehen wird; so werden wir gleich von vornherein daran erinnert, daß es die Menschenrechte als Postulat und Realität erst seit dem Ende des 18. Jahrhunderts gibt.

Was ist da alles ausgeschlossen! Zunächst einmal die

  • "Barbaren", wie die Griechen alle Nichtgriechen nannten; denn sie sind "von Natur aus" (eine Lieblingswendung des Aristoteles) sklavisch, eben so geboren und daher nur durch Despotie zu beherrschen. Zweitens natürlich die
  • Sklaven, die im Staate lebten und arbeiteten, wobei der Philosoph wiederum Sklaven "von Natur aus" von denen unterscheidet, die "zur Freiheit geboren" sind. (Am Rande zu erwähnen: die "Metoeken": nicht eingeborene Bewohner des Staatsgebiets, die keinerlei politische Rechte haben.) Und natürlich die
  • Frauen, die ganz auf die kleinste im Staat vorhandene Gemeinschaft, den Haushalt, beschränkt sind und dem Herrn des Hauses (dem despotes) Gehorsam schuldig sind; zu ihnen gehören "natürlich" auch die
  • Kinder, bis die Jungen unter ihnen die bürgerliche Reife erlangt haben. Dazu kommen noch die Einwohner, die als
  • "Banausen" bezeichnet werden, keineswegs wie in unserem Sprachgebrauch diejenigen, die keine Kultur besitzen, sondern alle, die "niedrige" Arbeit verrichten – Arbeit, die nach einem Satz der aristotelischen Ethik gering zu achten ist, weil sie "in der Sphäre des bloß Notwendigen und Nützlichen" bleibt –, also die Bauern, die Handwerker, die Handlanger, auch die Händler.

So ist klar, daß der Rang des Staatsbürgers nur einer beschränkten Zahl von Einwohnern zugebilligt wird. Es gibt eben niedere und höhere Menschenwesen.

Von nun an wird es interessanter. Denn ziemlich früh kommen zwei Unterscheidungen zur Sprache, die vor allem für die Demokratie – eine der drei grundsätzlichen möglichen Staatsordnungen, neben der Monarchie und der Oligarchie – von Bedeutung sind: 1) arm und reich, 2) regieren und regiert werden.

Aristoteles unterscheidet hier die Grundformen und ihre "Abweichungen" in einer doch wohl etwas schematisierten Weise: also Monarchie (Königsherrschaft) und Tyrannis, Oligarchie (Herrschaft: weniger) und Aristokratie, politeia (die ideale Staatsform) und Demokratie (Herrschaft des demos, des Volkes, der Menge).