Der Idiot des Glücks – Seite 1

Von Hanns-Josef Ortheil

Noch immer glaube ich, daß es eine Aufgabe der Bücher ist, uns aus allen hastigen, übereilten, unbedachten Bewegungen herauszureißen und für eine gewisse Dauer zum Stillstand zu zwingen: Halt an, vor dir breitet sich dein eigener Horizont aus, dein Ich nimmt eine Vergangenheit, nimmt Zeitstoff an, voll, punktuell ausgedeutet; erschöpft lehnst du dich zurück, liest dann weiter, sammelst, aber du bemerkst, daß diese seltsame vielfältige Speise nicht zu verbrauchen sein wird, jetzt nicht, nie.

Ein solches Buch, auf das viele schon eine Zeitlang ungeduldig gewartet haben, ist jetzt endlich (in einer vorzüglichen deutschen Übersetzung von Hans-Horst Henschen) herausgekommen: die 1977 in Frankreich mit großem Erfolg erschienenen "Fragments d’un discours amoureux" –

Roland Barthes: "Fragmente einer Sprache der Liebe", aus dem Französischen von Hans-Horst Henschen; Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1984; 278 S., 36,– DM.

Nietzsches Stoßseufzer, man müsse einmal unterscheiden, was alles "Liebe" genannt werde, wird hier von vornherein ernst genommen. Barthes zentralisiert den Begriff um eine Mitte: den Liebenden, der von der Sehnsucht, dem Warten, dem Schmachten, ja von bestimmten Erniedrigungen geplagt wird.

So wird der Liebe zunächst einmal ein besonderer, einzigartiger Platz vorbehalten; es ist der Raum für jenen "Idioten des Glücks" (Nietzsche), der sich den seltsamsten, scheinbar unverständlichsten Anstrengungen. unterwirft. Der Liebende steckt in der Haut seiner Regungen, die Barthes als "Figuren" bezeichnet. Diese "Figuren" wiederholen sich unablässig; es gibt in ihnen kein Vorwärts, kein Zurück. Der Liebende treibt sich um.

Eine Voraussetzung der "Fragmente" ist nun die, daß es gewissermaßen keine Einsamkeit des Liebenden gebe, sondern nur eine Einsamkeit des "Systems": Der Liebende ist nirgends integriert, seine Aktionen und Bewegungen richten sich ins Leere, er stammelt vor sich hin, er wird von seiner eigenen Blöße erschreckt und verhöhnt. Nichts kommt und springt ihm zur Seite; redet er von der Liebe, mag er von den anderen verstanden werden, nirgends aber wird er eigentlich "erhört". Daher wird sein Ton, wird sein Sprechen mit der Zeit immer schlaffer, es treibt auf die Erschöpfung zu, zieht sich in Ideen des Einschnitts (der Trennung, der Reise, des Opfers, des Selbstmords) zusammen, stöhnt auf.

Der Idiot des Glücks – Seite 2

Die großen bekannten Systeme (des Marxismus, der Psychoanalyse) wissen vom "System", den Figuren der Liebe nichts; sie ist gleichsam unbesetzt liegengeblieben. Wer also darf und kann hier nur über sie sprechen? Nur der Liebende. Nicht ohne begründetes (und, wie verbürgt ist, autobiographisches) Pathos hebt dieses Buch daher an: "Es ist also ein Liebender, der hier spricht und sagt..."

Dies ist der Lockruf für den Leser: nun hinein ins "Obszöne"! Der Liebende schafft aus einem Überfluß heraus, der leer bleibt. Sein Sprechen, Stammeln, Erschauern, Verabseitigen nennt Barthes "obszön". Entfernt vom sexuellen Ritus, der als Bereich der "ungeheuren Probleme" wirkungsvoll verspottet wird, entdeckt der Liebende im Raum seiner kunstlosen Aktionen eine ungeheure Beschädigung: niemand gibt sich ihm hin, niemand weiß im tieferen Sinn etwas von ihm. Das Gespräch von der Liebe wird im gesellschaftlichen Geplauder leicht zur bloßen Dummheit, zur leeren Deklamation; dessen Widerpart, die andere Seite der Münze, ist die "Philosophie der Liebe", jene hausbackene Form, alles unter ein Dach zu bringen, es in Regungen, Trieben, Affekten zu ordnen (Psychoanalyse) oder es im Bereich der ideellen Hemmnisse (christlich/platonisch) abzusegnen.

Zwischen diesen beiden unappetitlichen geschwätzigen Lagern treibt Barthes’ Buch seinen steten Kampf: mit unnachahmlicher, fühlbarer Klarheit, mit einer (möchte ich sagen) "Reinlichkeit", die noch die auffallendste Verwirrung, noch das bekannteste alltägliche Detail ernst nimmt und es in den Rang eines Auslösers, eines kleinen Paketes intensiver Widersprüche, erhebt. Wird hier "gedacht"; wird "beschrieben", was "geschieht" in diesem Buch eigentlich?

Zweierlei, glaube ich, trifft zusammen. Zum ersten sind die "Fragmente" eine Art Erzählung, im indirekten Sinn ein "altmodischer" Roman, der Szenen entwirft und sie eindringlich ausführt; zum anderen wird diese "alte Erzählung" durch die Modernität eines Bewußtseins gebrochen, das mehr zu wissen und zu begreifen scheint, als die pure Szenerie immer wieder hergibt. Tradition und Modernität ergeben eine faszinierende Brechung, wie sie für die Arbeiten von Roland Barthes charakteristisch ist. Stets hat man das Gefühl: hier wird "aufgeräumt", das Verstaubte auf den Sachen und Begriffen geduldig und souverän entfernt, hier durchdringt eine intensive Beobachtung das Denken und Empfinden (nicht umgekehrt, wie man an manchen deutschen Texten zum Thema zeigen könnte).

Dies ist also, ich kann es nicht länger für mich behalten, ein ganz und gar französischer Text. Ich halte ihn für den Versuch, in einem imaginären, geheimen Quadrat (dessen Eckpunkte von Proust/Gide – Freud/Nietzsche eingenommen würden) einen fluktuierenden Kreis von Liebesbewegungen in Unruhe zu halten.

Soviel für die "Kenner", schnell zurück zu den "Eingeweihten", für die dieses Buch ja geschrieben wurde! Wir sind uns einig: Kaum jemand hat je von der Liebe schreiben können. Sie ist zwar der Stoff (der übliche), ihr "Inhalt" jedoch läßt sich kaum fassen, höchstens umzirkeln. Es gibt vielleicht nur zwei große belletristische Analysen der Liebe, Prousts "Recherche" (vor der dieses Buch respektvoll zurückweicht) und Goethes "Werther". Der "Werther" ist das Buch der passioniert werdenden Liebesemphase; es will nichts sein als das, es entwirft darüber hinaus kein soziales Tableau, es entwickelt den Stoff nicht in irgendeiner anderen Breite oder Richtung. Im "Werther" oszilliert nichts als das Verlangen, das radikale Suchen einer einzigen Gestalt.

Roland Barthes also liest den "Werther", und dabei entsteht etwas ganz Merkwürdiges. Er dramatisiert nämlich diesen Stoff gleichsam in eine französische Geschichte um; plötzlich ist dieses deutsche Buch (das doch auch von einer etwas müden Empfindsamkeit, einer gehemmten Religiosität, jener Natur-Brunnen-Gräser-Emphase handelt, die man aus deutschen Gefühlshaushalten einfach nicht wegdenken kann) den eher expressiv-trüben Stimmungen Baudelaires nahe, plötzlich leuchtet etwas von der Eleganz der "Schlimmen Liebschaften" des Choderlos de Laclos in ihm auf. Der zentrale Text, der "Werther", erhält Atmosphären, seine Szenen geraten in Bewegung, strömen gleichsam Parfums aus, kaum glaublich, daß er auf dem Lande spielt (und dieses Ländliche wäre in Barthes’ Sicht vielleicht das Ländliche einer Dekadenz).

Der Idiot des Glücks – Seite 3

Seltsam – so französisch-modern gelesen, gibt das Buch alle Züge einer Partitur der Liebesfiguren her. Damit sind dann die zentralen Szenen aufgebaut, nun werden die Kronzeugen (Balzac, Hölderlin, Bataille) aus allen Ecken herbeizitiert. Es sind jene Begleiter am Wegrand, von denen Walter Benjamin einmal als von jenen Räubern sprach, die alte Überzeugungen stehlen. Die Komposition Barthes’ verschiebt diese verschiedenen Sprechweisen in kleine Tableaus. Alltagsszenen kommen hinzu, die jeder kennt, Freunde mischen sich ein, eine Art Reigen entsteht. Die "Luft" dieses Buchs ist gleichsam vom Liebesreden und Liebeswerben aufgeladen. So wird das merkwürdig ambivalente Reden und Handeln festgehalten und beschworen, um das es geht. Man erkennt sich, man "erhört" den, der hier leise spricht: "Was ich will, ist ein kleiner Kosmos, der nur ’von uns beiden’ bewohnt wird."

Was erkennt man denn nun? Der Liebende (der "Gebissene") unterwirft sich, er wird zum Abhängigen seiner unauflösbaren Empfindungen. Dort sitzt er, wartend am Telephon, dort streitet er mit sich, den Geliebten am Zug verabschiedend. Aber er hat sich ja für immer eingelassen in diese bekannten Phasen des Liebeswettstreits: Der ersten heftigen Inbesitznahme des "Bildes" folgen jene Begegnungen, die eine Spur legen sollen, das Bild entwickeln, Brechungen hereinlassen ("ach was, du hast/bist/ also auch" .. .), bis die Liebe jene Fortsetzung ereilt, die Barthes als die "lange Schleifspur der Leiden, Verletzungen und Ängste" charakterisiert.

Dies ist das zeitliche Gehäuse, in dem sich der Liebende auf der Stelle dreht. Dabei inszeniert er einen andauernden, heftigen, bettelnden Monolog um die Gestalt des Abwesenden herum, einen Monolog, durch den er sich verausgabt, sich allen Spannungen aussetzt, die Welt vergißt. Die Askese des Liebenden, die Anrufungen des "Unbegreiflichen" durch einen Unheilbaren, dieses klaffende Gieren, dieser unendliche Hunger – das wird in Barthes’ Buch jedoch nie bespitzelt oder verhöhnt. Im Gegenteil, es erhält geradezu aristokratische Züge wie im Beispiel von jenem Freund, der am Rand des Weges auftaucht: "X ... sagte mir, daß die Liebe ihn vor der Weltverfallenheit beschützt habe: vor Cliquenwirtschaft, ehrgeizigen Bestrebungen, Beförderungen, Intrigen, Bündnissen, Trennungen, Rollen, Kräften: die Liebe hatte ihn zum sozialen Abfall gemacht, und darüber freute er sich."

Aristokratisch nenne ich dieses Buch, weil es dieses Hohe Lied der Freude mit einem Ausgestoßensein verbindet, das sich nicht spreizt, sondern sich aus eigenen Kräften vollsaugt. Manchmal hat es den Anschein, als sei die Welt nur noch da, um von der Liebe überflügelt zu werden.

Barthes erhebt also die passionierte, die seit der Romantik deklamierte Liebe nicht zum Kult, nicht zum Traum: sie ist für ihn vielmehr die Prophetie vom "anderen" Leben, vom Leben in Stimmungen, Assoziationen, Bündeln von Intensitäten. Die Liebesfiguren besetzen das Vakuum unserer toten Welten allein noch in vollständiger Weise, sie löschen aus, sie drängen den Tod in die Dauer der Augenblicke.

Daher will ich am Ende wohl feststellen, daß die "Fragmente" selbst einen bestimmten Charakter des Schauens und Denkens "verewigen"; sie meinen gar nicht ausschließlich die Liebesregung, wenn sie von "Liebe" sprechen, sie "beinhalten" und zielen auf eine Art dauerndes Schweifen, auf den Hochgenuß ununterbrochenen Entdeckens. Darüber heißt es in einer unnachahmlichen Passage: "Obwohl jede Liebesbeziehung als einzigartig erlebt wird und das Subjekt die Idee verwirrt, sie später anderswo zu wiederholen, ertappt es sich manchmal bei einer Art Streuung des Liebesverlangens; dann begreift es, daß ihm bestimmt ist, bis zum Tode umherzuschweifen, von einer Liebe zur anderen."

Dem Buch sind viele Leser zu wünschen, die diesen Satz verstehen.