Hätte man ein Lesebuch deutscher Prosa der Epoche vom alten Goethe bis zum alten Fontane zusammenzustellen, so sähe man sich nach der Entscheidung für Texte von Stifter, Mörike und Heine sehr bald auf Bismarck oder Ranke und Moltke oder Mommsen verwiesen. Was die eigentliche Schriftstellerei angeht, so fällt sie neben der Prosa des Staates und der Wissenschaft kaum ins Gewicht. Es macht Anstrengung, das Hochberühmte aus der zweiten Hälfte des Jahrhunderts von Gutzkow und Laube bis zu Spielhagen und Immermann mit Anstand hinter sich zu bringen.

Vor einem, noch vor einem halben Jahrhundert wäre kein Zweifel gewesen, daß Heinrich von Treitschke in die erste Reihe gehört, wenn nicht der Historiker, so doch der Schriftsteller. Heute ist kaum eine Schrift Treitschkes im Druck, und selbst die berühmtesten Abschnitte aus Treitschkes "Deutscher Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert" – das Eingangskapitel des zweiten Bandes über Kunst, Literatur und Wissenschaft der Restaurationsjahre und das berühmte siebente Kapitel aus dem dritten Band "Altständisches Stilleben in Norddeutschland" –, liest man heute nicht um ihrer selbst willen, sondern als Zeugnis eines historischen Moments, der sonderbar bewegt, weil er der des deutschen Aufbruchs war.

Es ist jener Augenblick, der nach den beiden Bewegungen kam, die ein so unvergleichliches Erlebnis aller Empfindenden und Denkenden gewesen waren – Weimarer Klassik und antinapoleonische Erhebung. Beide hatten nichts miteinander zu tun, das Ältere stand dem Jüngeren sogar fremd, auch ablehnend gegenüber. Aber die Erfahrung der Befreiung war beiden gemeinsam, nach innen dort, nach außen hier, und vielleicht war die Nation nie mehr bei sich selber als in dem Jahrfünft zwischen 1815 und 1820.

Der Geist von 1815 war idealischer und jünglingshafter als der von 1914, aber wie dieser hat er tief in das folgende Jahrhundert hineingewirkt. Dieser Rausch des Zu-sich-selber-Kommens sollte niemals mehr verlorengehen, im einen wie im anderen Falle nicht, und da nach den Jahrzehnten der Dichtung nun die der Geschichtsschreibung anbrachen, heben alle diese frühreifen Jünglinge wie Droysen oder Treitschke, die ihre Geniestreiche vor dem fünfundzwanzigsten Jahr geschrieben haben, mit dem Feuer der Begeisterung an.

Es hatte sich anders hergestellt, als sie geglaubt und gewünscht hatten, aber diesen Weg von der Freiheitsbegeisterung der Zwanzigjährigen zur Reichsbegeisterung der Siebzigjährigen ist der Weg vom Wartburgfest zum Spiegelsaal, oder, um es nicht in Stationen der Geschichte, sondern in solchen der Geschichtsschreibung zu sagen, der Weg von der Idealpolitik zur Realpolitik.

Für Treitschke hieß das entschiedener noch als für seine Weggenossen die Abkehr vom Glauben seiner Jugend. Der Widerspruch gegen das System der Heiligen Allianz, der Protest gegen die Demagogen-Verfolgungen, kurz: die entschiedene Wendung gegen die Restauration prägt sein inspiriertes Jugendwerk bis in seine Polemik gegen ein "reaktionäres Großpreußen" hinein. Zwar läuft alles auf Preußen zu – und das war ja auch die Meinung der Paulskirche –, aber nicht auf ein von Preußen beherrschtes Deutschland, sondern auf ein freiheitliches Deutschland, das von Preußen im Zeichen einer Konstitution geeinigt wurde.

Als sich die "Preußischen Jahrbücher" der Bismarckschen Pressekontrolle unterwarfen, bricht Treitschke mit seinem bevorzugten Presseorgan; zwar sei Preußen zur Führung berufen, aber vorher müsse es vom Obrigkeitsstaat zum Verfassungsstaat werden. Die andere Seite, Hof und Regierung, steht ihm mit gleicher Zurückhaltung gegenüber. Alle Versuche Rudolf Hayms, ihm eine Professur an einer preußischen Universität zu verschaffen, scheitern; für einen Mann, der im Beamtentum und nicht im Adel die führende Kraft sieht und offen fordert, "feudale Reste" zu beseitigen, ist kein Platz an einer Universität des Königreiches. So geht der Verherrlicher Preußens immer um die Monarchie herum und liest in Leipzig, Freiburg, dann in Heidelberg und Kiel.