Zehn Jahre später war Treitschke der offizielle "Historiograph des preußischen Staates", den Bismarck in seine publizistischen Dienste zu nehmen wünschte, was Treitschke ablehnte, um unabhängig zu bleiben. Der Weg vom Verfasser der frühen Essays zum Autor der späten Aufsätze ist der vom Liberalismus des humanistischen Bürgertums zur nationalistischen Bourgeoisie des Kaiserreiches, dem Treitschke nun den Kampf gegen Juden, Sozialisten, Parlamentarier und Engländer empfiehlt.

Froh aber wird er des Erreichten nicht. Das geeinigte Deutschland war in seiner Vorstellung immer das Land Goethes gewesen; das erträumte Reich war das eigentliche, angesichts des gewordenen wurde aus seiner stets, vorhandenen Wirklichkeitsverdrossenheit nun ein Reichspessimismus, der dem Burckhardts oder Nietzsches nicht viel nachstand.

Die Gestalt des jungen Kaisers war ihm so fremd wie die Parlamentarisierung und Kommerzialisierung des Landes. Aber auch darin war er ja nicht der Gegenspieler, sondern der Spiegel Bismarcks, den, wie seinen alten Monarchen, all das Neue, das man so kräftig heraufgeführt hatte, zutiefst fremd und zuwider war.

Es ist schwer, Treitschke um seiner selbst willen zu lesen. Das Historiographische, das immer für ein wenig zweifelhaft gehalten worden war, weshalb denn die Preußische Akademie der Wissenschaften ihn erst wenige Monate vor seinem Tode zum Mitglied berief, ist von ihm abgefallen; – das Literarische aber reicht nicht hin. Aus der politischen Poesie seiner Anfänge ist das deklamatorische Pathos seines Alters geworden. Das gilt bis ins Erzählerische hinein, das nun zum Beispiel keine nüchtern charakterisierenden Porträts mehr kennt, sondern Verklärungsvokabeln, die zu ihrer eigenen Parodie werden, wenn der rüstige Denker dem frohgemuten Krieger zur Seite steht, während der stillzufriedene Monarch alles treu bewacht.

Es sind auch nicht die Neuigkeiten seiner Wissenschaft, die den Umgang mit ihm so interessant machen – obwohl es deren einige gibt und seien es jene Bemerkungen, daß nicht die großen Männer, sondern "das Gemüt des Volkes" Gegenstand aller Geschichtsschreibung sei, und die Wendung gegen Ranke, dessen Blick auf den diplomatischen Aspekt aller Geschichte nicht die Masse in den Blick bekomme.

Wer sonst hat damals gesehen, daß die Jahrzehnte zwischen den Revolutionen und den europäischen Befreiungskriegen aus den Staaten "Aktionseinheiten von Volkskörpern" gemacht hatten und daß dies für alle Zukunft unwiderrufbar sein sollte?

Als er abgefallen war, erst von den Liberalen des Jahrhundertbeginns, dann von den Nationalliberalen der Jahrhundertmitte, hat man den Kopf über einen tauben, verstockten Mann geschüttelt, der unablässig die Nähe von Egalité und Despotie beschwor. Unglaublich war, daß er die eigentliche Gefahr für die Freiheit des Einzelnen wie der Gesellschaft nicht von einer straffen, monarchischen Regierung, sondern von der "Mittelmäßigkeit einer konformistischen Menge" ausgehen sah, die unter der Führung ihrer Intellektuellen ohnehin stets der Laune des Tages nachliefe. Das hat 1945 vielleicht mehr Recht für sich gehabt als 1875, und mitunter sind es die Attacken auf Treitschke, die ihn interessant machen.