Von Roger de Weck

Verdun, im September

Mitterrand in sich gekehrt, Kohl in sich ruhend: Der Franzose bleibt wie immer unbeweglich, der Deutsche unterdrückt seine übliche Gestik. Der Präsident blickt zu Boden, der Kanzler reckt den Kopf. Drüben, am anderen Ufer, grasen friedlich schwarz-weiß-gescheckte Kühe. Die Bäume senken ihre Äste bis ins Wasser, als wollten sie der Maas etwas auf den langen Weg mitgeben. Zwei Männer in einer Landschaft, die lieblich wäre, wenn sie ihnen nicht die Brutalität der Geschichte vor Augen führte. Auf dem deutschen Soldatenfriedhof zu Consenvoye, unweit von Verdun, dröhnte am vorigen Samstag dumpf der Trommelwirbel und gemannte an das einstige Trommelfeuer: Es begann am 21. Februar 1916, und in wenigen Tagen zerpflügten zwei Millionen Geschosse das Schlachtfeld. Fünf zu zwei, so lautete die makabre Überlegung: Wenn auf fünf tote Franzosen lediglich zwei Verluste für Deutschland kämen, ließe sich der Krieg gewinnen, rechnete General von Falkenhayn. Er verrechnete sich, und das kostete 700 000 französische und deutsche Soldaten das Leben.

Der große Dicke hat eine grüne Mütze, der kleine Dünne ein schwarzes Béret auf dem Kopf, sonst unterscheiden sich die Uniformen der als Kranzträger abkommandierten Soldaten aus beiden Ländern nicht. Hinter ihnen stehen Hannelore Kohl, ihr Sohn Walter, und – protokollarisch weit hinten, in der Suite des Bundeskanzlers an 26. Stelle aufgeführt – "Herr Ernst Jünger, Schriftsteller". Verdun hat im Leben des "Stahlgewitter"-Autoren "eine besondere Bedeutung".

Eine besondere Bedeutung hat Verdun auch für die beiden, die da nebeneinander stehenbleiben, Kohl zur Linken Mitterrands, bis routiniert das Heeresmusikkorps 10 aus Ulm unter der Leitung von Major Simon Dach das Deutschlandlied bis an die Schlußnote gebracht hat: Hier kämpfte Helmuts Vater Hans Kohl; hier wurde, ein Vierteljahrhundert später, im 2. Weltkrieg, der Unteroffizier François Mitterrand am 14. Juni 1940 verwundet und gefangengenommen, nachdem er sich durch große Tapferkeit ausgezeichnet hatte. Mitterrand sei "von einem Geschoßsplitter in den Rippen getroffen worden", schreibt sein Biograph Thierry Desjardins. Den Splitter trage der französische Präsident heute noch mit sich, "aber er spricht nie davon".

Nur einmal – in einem 1942 verfaßten, aber erst 1977 veröffentlichten Manuskript – fand Mitterrand seine Erlebnisse der kurzen Erwähnung wert. Als einer von 1,8 Millionen französischen Kriegsgefangenen sei er nach Deutschland gekommen, zunächst nach Thüringen. In einer Ortschaft unweit von Saalfeld wurde er einem Zimmermann – und naivem Napoleon-Bewunderer – als Gehilfe zugeteilt. Der 24jährige Mitterrand blieb ein halbes Jahr dort, bevor er überraschend nach Hessen abkommandiert wurde. Er erinnert sich: "Bevor wir Abschied nahmen, wollte mir der Zimmermann zeigen, wie sehr er gerührt war. Er krempelte seinen rechten Ärmel hoch, über den Arm zog sich eine Schramme. ‚Verdun‘, sagte er. Auch ich trug auf meinem Körper die Male des Krieges, und wie er war auch ich in Verdun gezeichnet worden. ‚ Verdun‘, wiederholte er, und machte eine trübsinnige Gebärde. Wie er sich schweren Schrittes entfernte, schaute ich zurück auf seine gedrungene Gestalt, bis er um die Straßenecke verschwand. Und ich war völlig verblüfft, als mir bewußt wurde, daß das, was uns während sechs schweigsamen, arbeitsamen Monaten nahegebracht hatte, nicht die Sehnsucht nach dem Frieden oder die Hoffnung auf brüderlich-heitere Tage war, sondern kriegerische und kämpferische Erinnerungen: Napoleon, Verdun waren zwischen uns eine blutige Bande, welche die Völker verbindet, statt sie auseinander zu bringen."

Im Nebelregen, auf der Anhöhe von Douaumont, vor dem riesigen Beinhaus, in dem Überreste von 130 000 Verdun-Gefallenen zusammengetragen worden sind, an einem mit der französischen und der deutschen Fahne verhängten Katafalk, reichte François Mitterrand dem neben ihm verharrenden Helmut Kohl die Hand, als die Marseillaise anklang. Hand in Hand blieben sie die vielen Takte lang. Bevor Mitterrands Linke und vielen Rechte auseinandergingen, drückten sie sich kurz noch fester aneinander. "Wir sind Freunde geworden", verkündeten wenig später der französische Staatschef und der deutsche Regierungschef stellvertretend für ihre Landsleute.