Manchmal ist das Kino ein Apparat für Entdeckungen. Und manchmal ist das Kino eine Märchen-Maschinerie. Imagination bietet es immer.

Hier nun bietet es die alte Geschichte. Von Männern, die ausziehen und neue Welten erobern. Von ihrem Wagemut und ihrer Kraft. Von ihren Kämpfen und ihren Siegen. Von ihren Träumen und ihren Wunden. Von ihren Grenzen. Und von ihrer Phantasie und ihrer Entschlossenheit, diese Grenzen zu erweitern.

Einmal sieht man einen Mann um ein rotes Flugzeug reiten. Von allen Seiten begutachtet er es. Einen Tag später steigt er ein und fliegt. Obwohl er sich inzwischen den linken Arm verstaucht hat. Es geht um das Unmöglichste: den Drachen hinter den Wolken zu besiegen, die Schallmauer. Sein Körper hält dabei den Druck kaum aus. Aber der Mann fliegt und fliegt.

Die alte Geschichte, wie gesagt. Nur so grandios, so doppelsinnig, so präzise wurde sie seit Jahren im Kino nicht mehr erzählt. Die neueren Filme von Godard und Wenders, von Antonioni, Rivette und Straub zeigen, daß die entdeckenden Visionäre des Kinos aus Europa kommen. Kaufmans Film nun zeigt, daß die märchenhaften Erzähler des Kinos noch immer aus Amerika kommen – gerade, weil sie auf der Suche nach einer neoklassischen Form sind, ohne dabei das Konventionelle zu scheuen.

"The Right Stuff" (gedreht nach dem gleichnamigen Roman von Tom Wolfe) erzählt von den früh en US-amerikanischen Astronauten, von Alan Shepard, Gus Grissom, John Glenn, Gordon Cooper und all den anderen. Man sieht die ersten Vorbereitungen, die Tests, das Training. Alles geschieht in Eile, die USA sind in Zugzwang. Der Sputnik; Gagarin, der erste Mann im Weltall: Jeder neue Erfolg der UdSSR setzt neue Anstrengungen in Gang. Doch der Durchbruch will einfach nicht gelingen. Also wird die große Ablenkung inszeniert. Die öffentliche Vorstellung der Astronauten am 9. 4. 1955 ist inszeniert als patriotische Show: Um Männer, die ausziehen und neue Welten erobern. So wird das Thema des Films zu einem inszenierten Moment innerhalb der filmischen Inszenierung.

Später, wenn die Astronauten tatsächlich fliegen, wenn sie tatsächlich neue Welten erobern, ist der filmische Blick huldigend – ohne Distanz, ohne Kommentierung. Nur beim Drumherum auf der Erde bleibt die Distanz gewahrt; da ist immer Ironie mit im Spiel. Helden sind die Helden nur im All.

Als Kontrast dazu: Anfang und Ende des Films. Da wird von den Vorgängern der Astronauten erzählt. Von den Testpiloten, die in der kalifornischen Wüste die schnellsten Flugzeuge auf ihre Tauglichkeit prüfen – für 283 Dollar im Monat. Erzählt wird von Chuck Yeager (gespielt von Sam Shepard, dem Autor von Wenders "Paris, Texas"), der das rote Flugzeug anfangs fliegt und dabei am 14. Oktober 1947 als erster Mensch die Schallmauer durchbricht. Erzählt wird von seinem Freund, den er vor jedem Flug um einen Kaugummi bittet. Und von "Pancho’s Fly Inn", ihrer Kneipe, wo sie schweigen und trinken; und wo an einer Wand die Photos ihrer abgestürzten Kollegen hängen.

Später, 1957, zehn Jahre nach seinem Rekordflug, weist Yeager die Astronauten-Abwerber schroff zurück. Er sei Pilot; er lasse sich nicht zum Affen machen.

Noch später, als die ersten Astronauten schon im All waren und so Grenzen sprengten, die Yeager nie wird sprengen können, sagt seine Frau einmal zu ihm: Sie liebe ihn sehr; aber sie werde für immer gehen, wenn er anfange, nur noch in alten Zeiten zu leben. Yeager schweigt; nur sein Blick schweift in die Weite.

Die Geschichte der Astronauten und die Geschichte der Testpiloten. Alles ist authentisch. Alles hat seine Entsprechung in wirklichen Geschehnissen. Doch Kaufman erzählt diese Geschehnisse; er erzählt sie im guten Sinne "realistisch". Das heißt, sein Film ist weit davon entfernt, eine analogische Kopie des Realen zu sein. In ihm ist – mit Roland Barthes’ Worten – im Gegenteil das Bewußtsein vom Irrealen des Filmischen eingegangen.

Eine Geschichte erzählten heißt ja auch: eine Ordnung bestimmen im Chaos alles Möglichen. Es heißt: Wichtiges betonen, Beiläufiges beiläufig lassen, Unwichtiges aussparen. In jeder erzählten Geschichte wird so das Erzählen sichtbar. Und im Erzählen auch die Wertung. Und die Haltung.

Bilder und Bilderrhythmen, prägnante Farben, physisch präsente Typen und Oberflächen-Effekte, Dialoge, Geräusche und Musik. Allein damit verbindet Kaufman aufklärende Kritik und märchenhafte Huldigung; er verbindet Parodistisches mit Mythischem, Episches mit Anekdotischem; er verbindet sogar Momente der Attraktionsmontage mit Passagen eines eher elegischen Schnitts. Das Unterschiedliche vereinigt er zu einem eigenen Blick auf die Zeit zwischen 1947 und 1963.

Dieser Blick suggeriert Distanz, wenn es um Politik, um Wissenschaft oder um Presse geht. Wenn etwa die Astronauten in einer Szene um Sichtluken für ihre Kapseln bitten müssen, werden die Konstrukteure (um Wernher von Braun) zu Horrorfiguren stilisiert. In einer anderen Szene, wenn Lyndon B. Johnson einmal nicht bekommt, was er Dekommen will, stellt ihn Kaufman – voller Häme – als Karikatur aus.

Kaufmans Blick suggeriert Ironie, wenn die Astronauten sich anfangs quälen und zu Affen machen lassen. Daß dann der Schimpanse vor ihnen ins All fliegt, zeigt der Film als Folge ihrer ohnmächtigen Situation. Was ihnen geschieht, so der Film, geschieht ihnen zu Recht.

Bewunderung gewährt ihnen der Film erst, als sie sich als Piloten bewähren: Und sich gegen die Konstrukteure durchsetzen. Grenzenlose Bewunderung suggeriert der filmische Blick nur, wenn es um Chuck Yeager geht. Am Ende, als die NASA nach Houston umzieht, wird für die Helden der Nation ein riesiges Texas-Barbecue veranstaltet. Sie werden bewundert und bestaunt. Auf der Bühne tritt dabei eine Frau in weißen Federn auf. Sie tanzt und kokettiert und stellt ihren Körper aus. Auch das wird bewundert und bestaunt. Und für einen kurzen Moment wird einigen Astronauten klar, daß ihre Rolle oft der Rolle dieser Frau auf der Bühne ähnelt. Im Gegenschnitt dazu sieht man noch einmal Yeager, der gerade einen Höhenrekord versucht, den ein Sowjetrusse aufgestellt hat. Er steigt in das schnellste Flugzeug, eine silbergraue FN 104 und fliegt dem nächsten Drachen hinter den Wolken entgegen. Da wird dann der Stoff zum Leben erweckt, aus dem die Helden sind. Die Tat ist es, die zählt, nicht der Ruhm.

Norbert Grob