Von Ralf Dahrendorf

Die Lufthansa-Maschine war etwas verspätet in London Heathrow gelandet. Prompt steuerte ein Mann vom Bodenpersonal den Landefinger zum Ausgang des Airbus. "Das ist aber ein Wunder, daß das mal so schnell klappt", bemerkte der Steward, und seine deutschen Passagiere lachten und begannen, eigene Anekdoten beizusteuern. Da regte sich in mir der englische Stolz. Soll ich so etwas auf "mein Land" kommen lassen? Dann hielt mich etwas zurück. Es war mein letzter Flug in die englische Heimat. In Zukunft würde ich wieder in die deutsche Heimat fliegen, auch von London. Das macht es nicht ganz leicht für Zugehörigkeiten und Loyalitäten.

Übrigens stimmt es nicht, daß in England die Dinge nicht klappen, während in Deutschland alles aufs beste funktioniert. Vielmehr ist das nur der erste oberflächliche Eindruck; darunter gibt es eine ganz andere Wirklichkeit. Wenn in Deutschland etwas nicht klappt, dann bleibt nur die große Ratlosigkeit, das Schimpfen, der weinerliche Verzicht. Wenn in England etwas nicht klappt, wird geflucht und dann improvisiert. Außerdem hat sicher jemand eine vorzügliche Entschuldigung parat. Am Ende kommt alles ins Lot, was in Deutschland nicht ganz so sicher ist.

An diesem Tag war ich von einer Veranstaltung zurückgekommen, bei der einer der ganz Großen der deutschen Wirtschaft in bewegten Worten die Folgen des Metallarbeiterstreiks beklagt hatte. Das Bruttosozialprodukt habe einen Punkt eingebüßt, die Arbeitslosigkeit sei eher angestiegen, die Metallarbeiter selbst würden mindestens ein Jahr brauchen, um ihre Einkommensverluste aufzuarbeiten, das Vertrauen in deutsche Lieferpünktlichkeit in den Exportländern sei ernstlich gefährdet. Derlei hört man in London nicht über den Bergarbeiterstreik.

In der Tat hat man manchmal den Eindruck, daß dieser englische Streik eher wie ein großes Drama auf der Bühne des öffentlichen Lebens gesehen wird, mit drei Protagonisten, die noch ohne klares Ergebnis um die Gunst des Publikums buhlen: dem Bergarbeiterführer Scargill mit dem gepflegten rotblonden Haar und dem gefürchteten Charisma, dem "importierten ältlichen Amerikaner" Ian MacGregor (wie sich der Bischof von Durham unchristlicherweise ausdrückte), also dem herben, aus seiner amerikanischen Wahlheimat zurückgekehrten Schotten an der Spitze der Nationalen Kohlenbehörde und der "eisernen Lady", Frau Thatcher, deren Härte jetzt zuweilen etwas spröde geworden zu sein scheint. Man nimmt Partei, man bedauert, man hofft, übrigens alles Mögliche, aber ein lautes Wehklagen über den Streik ist nicht zu hören.

Vielleicht ist das falsch. Der Streik, der keiner ist, rührt nämlich an die Fundamente dessen, was das Gemeinwesen England so lebenswert macht. Es ist jetzt immerhin fast sechs Monate her, seit der auf Lebenszeit ernannte Arthur Scargill begann, seine Mitglieder zum Ausstand zu bewegen, aus nichtigem Anlaß, ohne klares Ziel, aber entschlossen, sich nicht zum dritten Mal in den ersten drei Jahren seiner Tätigkeit durch das Fehlen der (vor einem halben Jahr noch erforderlichen) 55-Prozent-Mehrheit in einer Urabstimmung von seinem Kampfziel abbringen zu lassen. Also gab es keine Abstimmung, sondern einen Befehl von der Zentrale. Viele Bezirke folgten dem Befehl, einige nicht. Jene, die folgten, vertrauten ihrem Führer und einem unbestimmten Sinn, daß es um die Zukunft der Industrie überhaupt, nicht nur um die Schließung einiger erschöpfter oder unwirtschaftlich gewordener Zechen geht. Inzwischen haben die selten gewordenen Gespräche mit der Nationalen Kohlenbehörde sich auf dieses Wort "unwirtschaftlich" konzentriert. Nur geologische, nicht ökonomische Gründe will Scargill gelten lassen. Vor allem aber sind die im Ausstand Befindlichen inzwischen zu stolz, um einfach zur Arbeit zurückzukehren, so gerne die meisten es wohl tun würden.

Wenn sie zurückkehren, werden zwei britische Tugenden noch mehr beschädigt sein, um die es ohnehin nicht mehr zum besten bestellt ist.