Von Helmut Schödel

In Rosa von Praunheims Leben hat die Zeit der Nachfolger begonnen. Der junge Rosa, Emanzipationsidol der Homosexuellen, ist jetzt über 40 und denkt zurück. Zum Beispiel an Evelyn Künneke. Lotti Huber hilft ihm dabei. Seit ein paar Jahren verkörpert nämlich sie in Rosas Welt die Sexbombe als alternde Frau, ist sie der Anti-Star (und findet es wunderbar). Lotti Huber lebt in Berlin, kann aus der Hand lesen und Trivialromane vom Englischen ins Deutsche übersetzen. Sie liebt wallende Gewänder, eine turmhohe Frisur, Ketten, Klunkern, Attitüden und nähert sich jenem Alter, das Praunheim bei Frauen so liebt. Schon siebzig Jahre ist sie auf der Welt. Wenn sie sich selber spielt (wie in Praunheims Film "Unsere Leichen leben noch") ist das immer ein großes Vergnügen. Die besseren unter Praunheims Filmstars – die fette Tally in "Tally Brown, New York", der hyperneurotische, inzwischen verstorbene Dietmar Kracht in den "Bettwurst"-Filmen – waren (wie Praunheim auch) große Selbstdarsteller. In Praunheims neuem Film "Horror Vacui" spielt Lotti Huber einen Medizinprofessor, der ein Transvestit ist und in Frauenkleidern, Lottis wallenden Gewändern, als Madame C einer Sekte voransteht, die den "Optimalen Optimismus" lehrt. Für andere haben Narzißten wenig Phantasie. So wurde aus Lotti Hubers Sekten-Guru nur prätentiöses Schmierentheater.

Die Jünger der "OO"-Sekte. alle in Grün, werden ausgebeutet, gefoltert und in einen Massenselbstmord getrieben. Praunheims Geschichte erinnert an Jonestown und Robert Wienes Filmklassiker "Das Kabinett des Dr. Caligari". Auch bei Praunheim geht es um das unheimliche Doppelleben eines Wissenschaftlers, der einem jungen Mann den baldigen Tod prophezeit. Aus Angst vor der (Sinn-)Leere seines bisherigen Lebens, aus einem horror vacui also, geht Frank danach der "OO"-Sekte auf den Leim. Aber die schreckliche Prophezeiung des verkleideten Professors erfüllt sich bei Praunheim nicht: Frank (Folkert Milster) stirbt nur einen Theatertod. Während die anderen "OO"-Jünger nach dem Massenselbstmord leblos an der Decke baumeln, kann Hannes (Thomas Vogt) seinen Freund Frank ins (kleinbürgerliche) Leben zurückholen. Das ist eine komische Szene.

Sonst geht es in dieser Komödie oft bierernst zu. Praunheim handelt von Jugendsekten, Gurus und Machtmißbrauch, im allgemeinen wie auch im besonderen, und entdeckt: nichts, was nicht schon jeder davon wüßte.

Das allerdings ist eine kleine Sensation an "Horror Vacui": Die Geschichte von Hannes und Frank, eine homosexuelle Beziehungskiste, ist nicht mehr Thema des Films. Frank und Hannes: kein Aufstand der Perversen, kein Manöver der Armee der Liebenden.

Vielleicht versinken gerade deshalb die beiden so tief in Kitsch und Klischees, zwischen Poesiealbum und Bartheke in den Untiefen der Beziehungslyrik: "Du hast mich nie geliebt." – "Wenn du mich wirklich liebst, laß mich ..." – "Das wissen wir ja, daß du auf alte Mütter stehst!" – "Du hast mich nie geliebt. Unsere Beziehung ist doch schon seit langem kaputt."

Als Praunheim in früheren Filmen solche Szenen einfach improvisieren ließ, waren das "Szenen", die zwei verliebte, verzweifelte Menschen einander zumuteten. Jetzt sind es plötzlich Szenen eines Spielfilms, auswendig gelernte Dialoge. Dialoge?