Soziale Unruhen in einem Industrievorort von Alexandria werfen ein Schlaglicht auf die sozialen und wirtschaftlichen Probleme Ägyptens.

Das Kairoer Innenministerium suchte die Schuld an den blutigen Demonstrationen, bei denen drei Menschen ums Leben kamen, bei "extremistischen Elementen der Linken". Ob die schwache marxistische Opposition gegen Präsident Mubarak etwas mit den Unruhen zu tun hatte, ist unklar. Die Ursache des Gewaltausbruchs ist jedenfalls weniger in politischen Umtrieben zu suchen als in sozialer Not: Die Regierung hatte die Preise der Grundnahrungsmittel empfindlich erhöht.

Das arme Ägypten, dessen Bevölkerung immer noch rapide wächst (die 47 Millionen Einwohner werden in zehn Jahren auf 60 Millionen anwachsen), muß über die Hälfte seiner Lebensmittel importieren – nur staatliche Subventionen machen die Grundnahrungsmittel erschwinglich. Gleichzeitig aber drängen die Kreditgeber des hochverschuldeten Landes – Weltbank und Internationaler Währungsfonds (IMF) – auf harte Sanierungsmaßnahmen: Der ägyptische Staat soll seine Subventionen abbauen – das aber produziert soziale Unruhen und Blutvergießen.

Brotpreis-Unruhen hat es in diesem Jahr schon in Tunesien, Marokko und in der Dominikanischen Republik gegeben. In Ägypten waren zuletzt vor sieben Jahren Demonstrationen gegen geplante Lebensmittelpreiserhöhungen blutig unterdrückt worden; damals wie heute begnügte sich die Regierung nicht mit Polizeimaßnahmen, sondern nahm die unpopuläre Preissteigerung zurück. Präsident Sadat steuerte nach den Unruhen vom Januar 1977 einen noch entschiedeneren pro-westlichen Kurs; Präsident Mubarak, der jetzt selber die Rücknahme der Preiserhöhungen befahl, wird zu einem Zeitpunkt mit der wirtschaftlichen Misere seines Landes konfrontiert, da seine Außenpolitik offenbar Früchte zu tragen beginnt.

Ägypten hat nämlich einen neuen wichtigen Durchbruch aus der Isolierung in der arabischen Welt geschafft. Anfang dieses Jahres war Ägypten in die islamische Konferenz-Organisation zurückgekehrt, aus der es nach dem Camp-David-Frieden mit Israel ausgeschlossen war; jetzt nahm mit Jordanien der erste arabische Bruderstaat die diplomatischen Beziehungen zu Kairo wieder auf. Die Aktion König Husseins wurde nur von Ägyptens unerbittlichsten Gegnern – Syrern, Libyern und dem Iran – eindeutig verurteilt; die gemäßigten arabischen Staaten scheinen Jordaniens Schritt zu dulden.

Ob der außenpolitische Erfolg den innenpolitischen Druck auf Mubarak erleichtert, ist fraglich. Die ägyptische Regierung scheint jedenfalls zu versuchen, die innere Opposition eher zu besänftigen als zu unterdrücken. Das zeigt das Urteil im Massenprozeß gegen die islamischen Revolutionäre, die im Herbst 1981 das Sadat-Regime durch eine radikal-religiöse Diktatur nach iranischem Strickmuster ersetzen wollten. Der Staatsanwalt hatte bei Prozeßbeginn vor fast zwei Jahren die Todesstrafe gegen alle 300 Angeklagten beantragt. Jetzt wurden 174 freigesprochen – und keiner der "Dschihad"-Revolutionäre wird hingerichtet werden.

Hans Jakob Ginsburg