Von Ferdinand Ranft

Privilegiert waren wir als "Abgeordnete" des Deutschen Volksrats wirklich kaum. Wir hatten einen Ausweis, der die Reichsbahnbediensteten aufforderte, uns "bei der Durchführung von Dienstreisen nach Möglichkeit zu unterstützen" und "am Fahrkartenschalter vorranglich abzufertigen". Und dieses kleine grüne Papier galt gleichzeitig als "Reisegenehmigung"; denn noch im Jahre 1948 konnte man nicht ohne weiteres einen Zug in der damaligen sowjetisch-besetzten Zone besteigen. Es gab lediglich eingleisige Bahnstrecken, weil die Besatzungsmacht die restlichen Schienen demontiert hatte, und mit Braunkohle kamen die Lokomotiven auch mehr schlecht als recht vorwärts.

Als ich mich das erste Mal mit meinem Ausweis an der endlosen Schlange vor der Fahrkartenausgabe des Leipziger Hauptbahnhofs vorbeigedrängelt hatte und mit geschwellter Brust "einmal erster Klasse nach Berlin und zurück" verlangte, da knallte mir die Fahrkartenverkäuferin mürrisch mein Billett auf den Tresen, ärgerlich darüber, daß da schon wieder ein Funktionär kam, der sich besser dünkte als die andern. Wer fuhr denn schon erster Klasse damals? Immerhin, es gab sie: aus der Vorkriegszeit herübergeretteter, aber kaum vorzeigbarer Komfort. Die Reisekosten bezahlte das Volksratsbüro.

Das einzige Privileg, dessen ich teilhaftig wurde, war ein Bezugsschein für einen Anzugsstoff. Jeder Abgeordnete bekam einen solchen Bezugsschein. Noch heute muß ich lachen, wenn ich daran denke, wie ich zum ersten Mal in den Anzug stieg. Der Stoff war so steif, daß man sich bei fast jeder Bewegung einen Splitter einzog.

Ich vertrat im Deutschen Volksrat, zusammen mit einem Reichsgerichtsrat a. D., die CDU meiner Vaterstadt Leipzig. Wir waren nicht gewählt, sondern von unserer Partei "delegiert" worden, genauso wie die übrigen 298 Abgeordneten aus der "SBZ" und die 100 Vertreter Westdeutschlands. Im Gegensatz zu vielen anderen, die vor allem damit beschäftigt waren, die Kriegsschäden ihrer Bleibe zu beseitigen und sich zusätzlich zu den Lebensmittelrationen etwas zu essen zu besorgen, war meine persönliche Situation nicht so schlecht. Ich lebte bei meinen Eltern (mein Vater war Arzt) unser Haus hatte den Krieg unversehrt überstanden, ich studierte und hatte auf diese Weise auch Zeit für die politische Arbeit. Aber wie andere auch, habe ich damals eine Menge persönlicher Dinge verkauft, um mir von dem Erlös Brotmarken zu kaufen; für eine Drei-Pfund-Brotmarke bezahlte man damals 30 Ost-Mark.

Die "Abgeordneten-Tätigkeit" war nicht sehr anstrengend, ich habe – wenn ich mich recht erinnere – an vier Plenarsitzungen und dazwischen mehrmals an Ausschußsitzungen des Volksrats teilgenommen. Wir tagten im "Haus der Ministerien" in der Leipziger Straße, dem früheren Reichsluftfahrtministerium, das den Krieg verhältnismäßig gut überstanden hatte. Es erlangte später Berühmtheit auf dem Höhepunkt der Ereignisse um den 17. Juni 1953. Vor dem Haus versuchte der damalige Industrieminister Fritz Selbmann, die aufgebrachten Massen – vergeblich – zu beruhigen.

Ein paar hundert Meter weiter, in der Wilhelmstraße, der heutigen Otto-Grotewohl-Straße, lag die völlig zerstörte Reichskanzlei. Ich bin ein paarmal in den Sitzungspausen hinübergegangen und auf und in den Trümmern herumgeklettert. Niemand hinderte einen daran. Man konnte sogar einige Treppen hinuntersteigen, bis eingedrungenes Wasser einem den Weg versperrte. Mir war unheimlich zumute. Man hätte diese Stätte des politischen Irrsinns als Mahnmal stehenlassen sollen.