Von Helmut Trotnow

Die Entstehungsgeschichte des Ersten Weltkrieges wird neu geschrieben werden müssen. Dies ist keine großspurige Ankündigung wie im Fall der sogenannten Hitler-Tagebücher, sondern eine Feststellung, die sich aus dem gegenwärtigen Stand der Geschichtsforschung ergibt. Der britische Historiker James Joll hat es gewagt, die Ergebnisse dieser Forschung in einer überschaubaren und vor allem lesbaren Weise zusammenzufassen. Kein leichtes Unterfangen, wenn man bedenkt, daß die Literatur zu diesem Thema bereits in Metern von Bibliothekswänden berechnet wird. Leider liegt die Arbeit bisher nur in englischer Sprache vor – eine deutsche Übersetzung sollte nicht zu lange auf sich warten lassen.

Der Laie dürfte mit dem Namen von James Joll wenig anfangen können. Aus der großen Zahl seiner Publikationen ist nur das Buch über die „Anarchisten“ ins Deutsche übertragen worden. Der Eingeweihte kennt dafür diesen Wissenschaftler um so besser. Ganze Generationen bundesdeutscher Historiker haben bei ihm studiert. Der Münchener Gerhard A. Ritter gehörte ebenso zu seinen Studenten wie der Stuttgarter Eberhard Jäckel, um nur zwei prominente Beispiele zu nennen. In den fünfziger und sechziger Jahren lehrte Joll am berühmten St. Antony’s College in Oxford; danach war er Stevenson-Professor für internationale Geschichte an der London School of Economics.

Kein Land war vorbereitet

James Joll ist geradezu geschaffen für die Aufgade, die Entstehung des Ersten Weltkrieges und seine Ursachen neu zu bewerten, denn seit fast 20 Jahren beteiligt er sich aktiv an der Erforschung der europäischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Joll, Jahrgang 1918, gehört zu jener Generation britischer Wissenschaftler, die sich aus dem Kriegserlebnis heraus den Gesellschaftswissenschaften zuwandten und ihre Forschungsschwerpunkte setzten. „Das Ziel des Historikers“, schrieb er 1964, „besteht darin, das Bild der Menschen von der Welt zu erweitern, damit sie die Dinge in einem neuen Licht betrachten können.“ Die Erweiterung des Wissens soll soziale oder nationale Beschränkungen aufbrechen und letztlich die gewaltsame Auseinandersetzung von Menschen und Gesellschaften verhindern.

Vor allem drei Themenkreise waren es, denen sich Joll immer wieder zuwandte: Die Entwicklung von Gesellschaften im internationalen Vergleich, der Einfluß philosophischer und politischer Ideen auf die Gesellschaft und ihre Entwicklung sowie die Rolle des Individuums in der Gesellschaft. Zu seinen wichtigsten Arbeiten zählt unter anderem die Geschichte zur II. Internationale, jener Arbeiterorganisation, die unter der von Karl Marx und Friedrich Engels geprägten Formel von der „Internationalen Solidarität“ und des „Klassenkampfes“ eine friedliche Welt schaffen wollte und doch bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 kläglich scheiterte. Daneben sind zu nennen seine drei Studien zum französischen Sozialistenführer Léon Blum, zu Walter Rathenau und dem italienischen Futuristen F. T. Marinetti, die 1960 unter dem Titel „Three Intellectuals in Politics“ erschienen. 1973 kam sein Hauptwerk „Europe since 1870“ heraus, das Joll als Meister der Gesamtdarstellung erweist, der sich nie im Detail verliert und trotzdem das Wesentliche schildert. 1977 wurde er auf Grund seines wissenschaftlichen Wirkens zum Mitglied der britischen Akademie berufen.