Der Politiker wird nicht schon dadurch gerechtfertigt, daß er die richtigen, die moralisch begründeten Zwecke oder Ziele verfolgt. Das ist bestenfalls ein Teil seiner Legitimation. Seinem politischen Handeln muß eine kritische Analyse der Situation, der Zusammenhänge vorausgehen. Wenn er das unterläßt, dann kann das Handeln des Politikers überhaupt moralisch nicht begründet, nicht legitimiert werden. Irrtümer, die ihm unterlaufen, in der Beurteilung der Situation oder Fehler in der vernunftgemäßen Auswahl der Mittel, zu denen er greift, um ein sittlich-legitimiertes Ziel zu erreichen, können sehr tragische Folgen haben. Ebenso schlimme Folgen wie falsche moralische Grundsätze. Beides kann den Politiker disqualifizieren.

Ich orientiere mich hier sehr stark an Max Weber, das habe ich immer getan, weil ich von Anfang an so empfunden und, als ich Max Weber studierte, mich bestätigt und wiedergefunden habe. Max Weber sagt: Ein Politiker, der für andere handelt, darf sich keineswegs auf seine Gesinnung oder auf „Gesinnungsethik“ zurückziehen, vielmehr – und jetzt zitiere ich wörtlich aus dem berühmten Aufsatz „Politik als Beruf“ aus dem Jahre 1919 – hat er „für die Folgen seines Handelns aufzukommen“. Und dann steht bei Max Weber in Klammern noch dabei: für die „voraussehbaren“ Folgen seines Handelns. Ich möchte am liebsten das Wort „voraussehbar“ streichen, obwohl es natürlich für den Politiker angenehmer ist, wenn ihm attestiert wird, daß er nur für die voraussehbaren Folgen aufkommen müsse. In Wirklichkeit muß der Politiker auch für die Folgen aufkommen, die er nicht vorhersagen konnte!

Ich habe früher einmal gesagt, Politik ohne sittliches Fundament ist gewissenlos; und sie tendiert zum Verbrechen. Kant schreibt in der Schrift „Zum ewigen Frieden“: „Wahre Politik kann also keinen Schritt tun, ohne vorher der Moral gehuldigt zu haben.“ Ich würde das heute auch umkehren wollen und sagen: Umgekehrt kann die Verfolgung sittlicher politischer Ziele ohne das „Augenmaß“ im Sinne von Max Weber möglicherweise zerstörerische Folgen haben.

Aus Helmut Schmidt: „Maximen politischen Handelns“ (Rede auf dem Kant-Kongreß, 12. März 1981)