Von Heinz Josef Herbort

Kultfiguren haben das Wissen, aber auch das Glück, das Richtige im rechten Moment zu sagen, zu schreiben, zu schaffen. Kultfiguren habe intuitiv, aber auch instinktiv das auf den Punkt gebracht, was viele denken, fühlen, produzieren – nur um ein Gran präziser. Kultfiguren sind moderne Propheten, die, über ihre alttestamentarischen Vorgänger hinaus, durch die Umstände berufen, von der Gemeinde gewählt und bestätigt, ihre Position verfestigen und stärken mit allen eigenen und fremden Mitteln. Kultfiguren sind die homogenisierten Zentren einer heterogenen Menge, Schwerpunkte einer sich formenden Masse, Kondensationskerne in einer übersättigten Atmosphäre.

In Polen ist Krzysztof Penderecki längst eine Kultfigur – seit 1959 bei einem Kompositionswettbewerb die Jury die drei erstplazierten Werke prämierte und es sich herausstelle, daß alle drei von demselben Autor stammten. Krzysztof Penderecki hatte in „Psalmen Davids“, „Emanationen“ und „Strophen“ nicht nur mit der sogenannten Clustertechnik (in der jeweils dichte aber nur unscharf definierte Klangbänder aus unmittelbar nebeneinander liegenden Tönen, „Tontrauben“ erklingen) ein Gegengewicht zur fast mathematisch exakt kalkulierten „seriellen“ Technik, sondern auch eine neue Expressivität gefunden, die wieder Emotionen artikulierte, ihnen freien Lauf ließ, nachdem sie lange in normativen Grenzen und rationalen Käfigen gefangen gehalten waren.

Als er 1966 im Dom zu Münster seine „Lukas-Passion“ uraufführen ließ, setzte dies einen frühen Höhepunkt in der neuerlichen Emanzipation Kirchenmusik. Diese Kunstgattung hatte über viele Jahrzehnte kaum Bemerkenswertes zustande gebracht, war aber jetzt, unter anderem gefördert durch aufmunternde Gesten des Vatikanischen Konzils, in viele neue Bereiche zwischen Pop und Spiritualität aufgebrochen. Der „Passion“ waren die „Grablegung“ (1970) und die „Auferstehung Christi“ (1971) gefolgt, ein „Canticum Salomonis (1973), ein „Magnificat“ (1974) und, dem polnischen Papst Johannes Paul II. gewidmet, ein „Te Deum“ (1980).

Daß auch Propheten nicht ausschließlich Weissagungen verkünden, daß umgekehrt Weissagungen nicht unbedingt immer die Spitze der Avantgarde bestätigen sondern eher den Troß, hat auch Krzysztof Penderecki gezeigt und erfahren. Seine Oper „Paradise lost“ und die zweite Sinfonie huldigten einer scheinbar antiquierten Tonalität, waren Rückgriffe auf ein längst für überwunden gehaltenes 19. Jahrhundert, übten sich in einer Ästhetik des Wohlklangs und der Harmonie von vorgestern – und waren doch Zeichen einer Zeit, Signale einer Tendenz.

Als am 10. Dezember 1980 in Warschau des Arbeiteraufstandes (zehn Jahre zuvor) gedacht wurde, schrieb Krzysztof Penderecki für die Zeremonien am Mahnmal im Auftrag der neuen unabhängigen Gewerkschaft „Solidarität“ ein „Lacrimosa dies illa“ („Das ist ein tränenreicher Tag“) – die Textzeile ist wenig politisch, entstammt der „Sequenz“, einem Teil der katholischen Totenliturgie und bezieht sich auf das „Jüngste Gericht“. Als am 27. Mai 1981 Kardinal Wyszynski, Leitfigur des stillen und energischen Kampfes der polnischen Kirche gegen die Staatsmacht, starb, komponierte Krzysztof Penderecki in einer spontanen Reaktion binnen sechs Stunden ein „Agnus Dei“ – während der Beisetzungsfeierlichkeiten wurde es uraufgeführt. Mit beiden Sätzen mußte und konnte sich in Polen eine große Zahl, ein wesentlicher Teil der Bevölkerung identifizieren. Hatte Pende-Teil also populistisch auf die Menge geschielt? „Ich bin kein politischer Komponist“, sagt Krzysztof Penderecki heute, „aber die Stücke hatten eine politische Wirkung – nicht durch ihre politische Aussage, sondern über die Emotionen: weil man sich identifizierte.“

Die beiden Sätze wurden zu Kernzellen eines „Polnischen Requiems“. Zwei weitere apolitische Stationen“: das „Recordare“, ebenfalls Ted der Seqrenz, ist am Andenken an den polnischen Franziskanerpater Maximilian Kolbe geschrieben, der in Auschwitz freiwillig für einen Familienvater in den Tod ging und im Oktober 1982 heilig gesprochen wurde. Das „Dies irae“ gedenkt des warschauer Aufstandes 1944.