Von Christoph Bertram

Als vor einem Jahr, im Oktober 1983, Hunderttausende auf dem Hamburger Rathausmarkt gegen die Nachrüstung demonstrierten, da hielten ganz vorn vor der Rednertribüne zwei junge Frauen ein Plakat hoch, das sich von all den kernigen Gewißheiten der übrigen Spruchbänder abhob: "Angst allein macht nicht glücklich", stand da in schwarzen Lettern. Der Spruch könnte das Motto sein für das Buch von

André Glucksmann: "Philosophie der Abschreckung"; mit einem Vorwort von Jürg Altweg, aus dem Französischen von Thomas Dobberkau und Barbara Henninges; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1984; 400 S., 38,– DM,

das schon lange vor seiner sprachlichen Übersetzung eine polemische Übersetzung ins Deutsche erfuhr. Hier war, so die Konservativen zur Rechten, endlich mal einer, der es den Friedensbewegten zeigt; hier war, so die Pazifisten zur Linken, einer, der ihnen treulos in den Rücken fiel, ein Renegat und Reaganaut. In der schön-polarisierten Bundesrepublik, in der man verteufelt, bevor man noch gelesen hat, war Glucksmann für die einen der blinde Kritiker der einäugigen Friedensbewegung (DIE ZEIT Nr. 31), für die anderen der Prophet der Abschreckung, den man rasch zum Rammbock gegen alles Grüne und Anti-Atomare vereinnahmen konnte.

Aber Glucksmann ist keiner, der sich durch den Übereifer der Verfolgung einst Gleichgesinnter bei den Konservativen lieb Kind machen will. "In der UdSSR das Reich des Bösen zu sehen, hieße, sich selbst de facto im Reich des Guten zu wähnen; keine einzelne Zeile dieses Buches ist Anlaß für eine solche Selbsteinschätzung." Glucksmann traut den Generalen im Pentagon nicht mehr Weisheit zu als ihren Fachkollegen im Kreml. Und er polemisiert gegen die Advokaten einer Raketenabwehr, wie sie Ronald Reagan in seiner "Star Wars"-Rede vom März 1983 gefordert hat. Wer Glucksmann in den Topf der Reaganauten stopfen will, der hat ihn nicht gelesen.

Wohin gehört er aber dann? In welches Fach können wir ordnungsliebenden Deutschen ihn ablegen? Glucksmann entzieht sich der Kategorisierung. Er ist ein in Strategie und Philosophie beschlagener französischer Linker, einst Kommunist, dann Maoist, Rädelsführer der Pariser Unruhen von 1968 – ein Erfahrener also in der Droge absoluter Wahrheiten. Sein Buch ist die Auseinandersetzung mit denen, die die Bombe zum absoluten Maßstab unserer Zeit machen wollen. Er versteht sie – Jahrgang 1937 –, auch wenn er sie attackiert: "Niemand findet nach Belieben seine eigene Jugend wieder."

Für Glucksmann ist die atomare Abschreckung das Grundmuster der heutigen Sicherheit. Sie ist "das außergewöhnliche Heilmittel einer heillosen Situation oder die Vernunft einer unvernünftigen Zeit". Dennoch hat er kein strategisches Werk geschrieben. Es geht ihm eher um eine allgemeine Analyse der politischen Existenz im Atomzeitalter, und die geschieht am Rande des Abgrundes. Die Abschreckung durch die Bombe ist Ausdruck einer politischen Grundsituation: des höhenbedingten Schwindels. "Die politischen Lösungen werden am Rande des Abgrundes verhandelt, wie seit langem schon die Liebe und die Kunst an den Ufern des "anderen Todes‘."