Von Hans Platschek

Grob gesprochen und konventionell gesehen, hat Wolfgang Schivelbusch zwei Bücher geschrieben, die er als einen Band unter dem gleichen Titel und zwischen denselben Buchdeckeln präsentiert.

Einmal geht es um die Geschichte der künstlichen Beleuchtung, sorgfältig recherchiert und sozusagen in einem Handlungsstrang, vom Kienspan bis zur Glühbirne, dargestellt.

Aber schon auf den ersten Seiten kommt der zweite Handlungsstrang zur Sprache: Paris, das Zentrum in der Geschichte künstlicher Beleuchtung, meint, als „Lichterstadt“, mehr: Beleuchtung und Erleuchtung hängen nicht nur sprachlich zusammen; das Licht ist, über seine physikalische Eigenschaft hinaus, auch ein Symbol, so daß Schivelbusch fragen kann: „Wäre es möglich, daß hier zwischen philosophischer Aufklärung und tatsächlicher Beleuchtung ein Zusammenhang besteht? Etwa dergestalt, daß das philosophische Bedürfnis nach Aufklärung Licht-Interessen realer Natur geweckt hätte?“

Die Fragestellung ist ebenso heuristisch wie origineil. Um so erstaunlicher, daß sich Schivelbusch vom Schwung der Fragen nicht hinreißen läßt, sondern in verschiedenen Anläufen Antworten erarbeitet. So gesehen, löst sich die Zweiteilung auf. Die nüchterne, technologische Beschreibung, nach deren Lektüre man den Eindruck hat, man könnte sich als Ingenieur versuchen, gibt den geistesgeschichtlichen, den soziologischen und wahrnehmungspsychologischen Überlegungen nicht nur das Unterfutter, sondern den notwendigen Komplementärkontrast.

Will man sich auf ein Genre einlassen, dem Buch also ein Etikett anheften, das, wie alle Etiketts, ablösbar bleibt, so stellt sich das Schlagwort von der „Alltagsarchäologie“ ein. Im Genre knüpft Schivelbusch etwa an Benjamins „Kleine Geschichte der Photographie“ an, an die „Passagen“; weniger, und das ist ein Vorzug, an die fragwürdige Arbeit über das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Schivelbusch ist, als Nachfahre, besser im Bild: Er verwechselt nicht Produktionsmittel und Produktionsverhältnisse; im Gegensatz zu Benjamin unterbricht er Ableitungen, um ihren Anlaß und ihren Ausgang zu überprüfen. Die technologischen Beschreibungen, natürlich nicht abgelöst von ihrer gesellschaftlichen Verfassung, ergeben eine Kontrollinstanz. Neben Benjamin denkt man an Siegfried Giedion, dessen „Mechanization takes command“ nunmehr auch auf deutsch vorliegt, als ein „Beitrag zur anonymen Geschichte“. Auch Giedion beschäftigt sich mit simplen Gegenständen: dem Tresorschloß, dem Backofen, der Schublade; auch er arbeitet sich zu größeren Zusammenhängen vor, die allerdings in der Automation oder im Fließband enden. Man hat, in dieser Hinsicht, vom „weißen“ Sozialismus gesprochen: Giedion kommt indirekt und womöglich auch ohne böse Absicht zu einer Huldigung für Taylor oder Henry Ford; auch hier also, unter. Ausschluß der Produktionsverhältnisse, zur Huldigung neuer Produktionsmittel.