Von Ernst Klee

Im Oktober 1969 ging im niederbayerischen Fürsteneck eine leerstehende Pension in Flammen auf. Das Bischöfliche Ordinariat Passau hatte das Haus, die "Aumühle", an den Arzt Fritz Loew verkauft, der ein Heim für geistig Behinderte daraus machen wollte. Doch die Ortshonoratioren, angeführt vom katholischen Geistlichen, sahen den Fremdenverkehr gefährdet. Die Angst vor den Behinderten spielte auch eine Rolle. Als die Aumühle brannte und der ortsfremde Heimleiter von bierstarken Bürgern handgreiflich vertrieben wurde, herrschte Volksfeststimmung. Der Fall Aumühle beschäftigte jahrelang die Gerichte, ganz aufgeklärt wurde er nie.

Vierzehn Jahre später, in der Neujahrsnacht 1984, steht in der oberpfälzischen Gemeinde Teunz (Landkreis Schwandorf) wieder eine leerstehende Pension in Flammen. Auch sie war von den "Doktor Loewschen Einrichtungen" als Behindertenheim gedacht gewesen. Doch der Brand symbolisiert nur grell das Ende dieses Plans. Bürgerproteste hatten den Gemeinderat schon vorher veranlaßt, die Umwandlung der Pension in eine Heimstätte für geistig Behinderte abzulehnen.

Im Mittelpunkt eines erbittert ausgetragenen Streites hatten zwei im Ort wohnende, aber an einem tschechoslowakisch-deutschen Grenzübergang beschäftigte Polizeibeamte gestanden. Sie sollen über 400 Unterschriften – von beinahe jedem dritten Bürger – gesammelt haben, weil geistig Behinderte "Frauen vergewaltigen und unsere Kinder auf offener Straße mißhandeln".

Die beiden Polizisten in der Heimatzeitung: "Ist es denn so schwer zu verstehen, daß einige Gemeindebürger nur einfach Angst haben?" Ihr Leserbrief endet mit einem Hinweis auf Artikel 20 des Grundgesetzes (Widerstandsrecht).

Der Bürgermeister der Gemeinde, Johann Kirchberger, konterte mit einem Leserbrief. Die Polizisten, ihre Angehörigen und Freunde seien von Haus zu Haus gegangen und hätten die Behinderten "als gemeingefährlich und vor allem als große Gefahr für ihre Kinder und Frauen dargestellt". Einen von ihnen habe er wegen "flegelhaften Benehmens während der Gemeinderatssitzung rügen und zum Schluß aus dem Sitzungsraum verweisen" müssen. Wütender Schlußsatz: "Ein Widerstandsrecht nach Artikel 20, Absatz 4 des Grundgesetzes gegen Menschen zu beanspruchen, die hilflos sind, ist – zumal für Polizisten – eine Ungeheuerlichkeit."

Nachdem die Teunzer Pension gebrannt hatte (der Brand scheint nicht in direktem Zusammenhang mit den Bürgeraggressionen zu stehen) und man schon von einem zweiten Fall Aumühle sprach, erfuhr Pfarrer Ernst Wörle von den Ereignissen. Der Beauftragte für die Arbeit mit geistig Behinderten in München wandte sich wegen des Verhaltens der beiden Ordnungshüter besorgt an den bayerischen Innenminister.