Ernst Jünger: „Aladins Problem “ und „Autor und Autorenschaft“

Von Michael Krüger

Es wird Zeit, daß ich mich meinem Problem zuwende. Wer hat kein Problem – jeder hat eines, und sogar deren mehrere. Sie haben ihren Stellenwert; das Hauptproblem rückt in die Mitte der Existenz, es verdrängt die übrigen. Unablässig begleitet es uns wie ein Schatten und verdüstert den Sinn. Auch wenn wir nachts erwachen, ist es gegenwärtig; es springt uns an wie ein Tier. Ein Mann hat hin und wieder Kopfweh; das ist nicht angenehm, doch gibt es Hilfsmittel. Ernst wird es, wenn er eines Tages vermutet, daß etwas dahinter steckt – ein kleiner Tumor vielleicht. Nun wird die flüchtige Sorge zur ständigen; sie wird zur Hauptsorge.“

Mit dieser Eröffnung, die eine große Konfession erwarten läßt, beginnt das sich jeder Gattungsbezeichnung enthaltende Buch von Ernst Jünger: „Aladins Problem“.

Es handelt sich um den Bericht des 37jährigen Friedrich Baroh – da das Buch 1982 beendet und datiert wurde, muß er 1945 geboren sein –, dem nach einer selbst für Nachkriegsverhältnisse sagenhaften Karriere als Bestattungsunternehmer, die in der Planung und Ausführung einer Art Zentralfriedhof für den ganzen Planeten Erde gipfelt, „Zweifel“ kommen. „Zweifel“ deshalb in Anführungen, weil es nicht einfach „einfache“ Zweifel sind, die ihm den Lebenssinn durcheinanderwirbeln, wie auch das Problem, das ihn bis an den Rand des Wahnsinns führt, keineswegs ein einfaches, also lösbares, ist: „Das Problem ist unteilbar; der Mensch ist allein.“

Allein heißt, von Gott verlassen, von den Göttern, wie der Nietzscheaner Baroh, ein eingefleischter Nihilist, notiert. Trost ist für den einzelnen nur zu haben, „indem er seine Lage erkennt und sie auszudrücken vermag“ in der Hoffnung auf Selbstabsolution.

Wie die Lage einzuschätzen ist, geht aus der Biographie Friedrich Barohs hervor, die den Hauptteil des Buches ausmacht und als Palimpsest gelesen werden will. Er stammt aus einem alten Adelsgeschlecht „im reichsunmittelbaren Fürstentum Liegnitz in Schlesien“ – „der Name war eine gute Sache, doch konnte man auf ihm nicht ausruhen; die Zucht war streng.“ Nicht erst der Kommunismus hat den Adel abgesetzt, ihm ging „eine innere Schwächung voraus“, der Niedergang: „Man steigt vom Pferd, verkauft die Wälder, wendet sich Nebendingen, wie Handelsgeschäften, zu, wird Tennisspieler oder Rennfahrer.“ Zwar bleibt „eine Schicht, in der die Gene konstant bleiben“, doch die Hülle wird bröcklig und von Baroh abgestreift. Er wird ohne Sentimentalität Bürger und leistet seinen Dienst in der Volksarmee ab: Drill, Schikanen, Zwang.