Von Günter Herburger

Stille Fahrt in der Eisenbahn nach Biel/Schweiz am französischen Jura. Zur ältesten und schwierigsten Überlandstrecke waren etwa viereinhalbtausend Läuferinnen, Marschierer und Läufer gekommen. Beim Eisstadion, dem Startplatz, breitete sich eine Karawanserei mit Zelten, Begleitfahrzeugen, Würstchenbuden und Reklametischen aus. Erprobte Kämpfer hielten sich freudig aufrecht, Neulinge sanken ins Gras, wurden stumm und matt, gingen immer wieder ins nahe Getreide.

Letzte Kohlehydratriten, Enge in der großen Halle beim Ausziehen, Anziehen, Einfetten, dazu Konzentration inmitten der Menge. Die innere Nervosität nahm zu: Es würde nie und nimmer möglich sein, die abgrundtiefe Distanz zu überwinden.

Alexander, ein bärtiger Jugoslawe, fieberte; der Buchhalter einer Wurstfabrik aus Memmingen würde zum 15. Mal durch den Wahnsinn rennen; zwei Mädchen neben mir auf der Bank tranken Dosenbier, sagten: "Ça va copain, tu verras."

Start 10 Uhr nachts, in der Stadt alle Trottoirs von Zuschauern besetzt, auffordernde Jodler und Rufe, in einer Unterführung gleißendes Licht, schließlich auf dem ersten kilometerlangen, steilen Anstieg ein wenig Entzerrung der sich dahinwälzenden Heeresschlange.

Einer beschwor, langsam zu tun, sich nicht zu verausgaben; ein anderer hetzte vorbei, schrie, er habe jetzt schon Seitenstiche, dann lachte er, hatte, sich zum Heil, uns angelogen.

Mein Laufgenosse, der schnelle Außenseiter des Springer-Konzerns, den ich schon in Moskau und New York City bei Marathons getroffen hatte, sagte, es hätten alle Brillenträger, wie er, nun auf weiche Haftschalen umgestellt, und, wunderbar, die Welt, vorher verringert durch den Abstand zwischen Augen und starren Gläsern, sei wieder groß!