Von Hanns Grössel

Von Nathalie Sarraute, die am 18. Juli 1984 zweiundachtzig Jahre alt geworden ist, sind innerhalb kurzer Zeit zwei neue Bücher in deutscher Übersetzung herausgekommen – Bücher, die beide auf die Anfänge dieser Autorin verweisen, auf ihreAnfänge im Leben und auf ihre

und „Kindheit“. „Der Wortgebrauch“, 1980 in Paris erschienen, enthält zehn kurze Prosastücke, in denen beliebige Gesprächsfetzen – meist nur halbe Sätze oder einzelne Wörter – vorgeführt werden. Nicht das, was sie bedeuten, ist für Nathalie Sarraute an ihnen wichtig, sondern das, was an Vor- und Außerbewußtem um sie liegt.

Ort, Zeit und Geschehen verflüchtigen sich; was bleibt, ist Sprache, von feinsten Regungen durchzuckt. Die Prosastücke haben nichts vom Gesprächsprotokoll, sondern stehen dem Prosagedicht nahe. Zugleich sind es Lehrstücke, mit denen der Leser in genaueres Wahrnehmen eingeübt wird, und das kommt ihm bei der Lektüre ebensosehr zustatten wie beim Beobachten seiner alltäglichen Umwelt.

Dieses mikroskopische Wahrnehmen macht das unverwechselbar Eigene und Neue an Nathalie Sarrautes Schreibweise aus; es ist ihr gewichtiger Beitrag zum Konzept des Nouveau roman, das sie lange vor den programmatischen Erklärungen eines Alain Robbe-Grillet praktiziert hat, angefangen mit „Tropismen“, ihrem Erstling aus dem Jahre 1939. Tropismen (nach naturwissenschaftlicher Definition durch Reize ausgelöste Krümmungsbewegungen bei Tieren und festsitzenden Pflanzen) – das sind für sie (mit ihren eigenen Worten) „undefinierbare Bewegungen, die sehr schnell den Grenzen unseres Bewußtseins entgleiten; sie sitzen am Ursprung unserer Gesten, unserer Worte, unserer Gefühle“. Und in ihrem Essay „Zeitalter des Argwohns“ (1956) erklärt sie, für den Schriftsteller komme es nicht mehr darauf an, „die Liste der Charaktere ins Unendliche zu verlängern, sondern vielmehr darauf, das Nebeneinander widersprechender Gefühle zu zeigen und so weit wie möglich den Reichtum und die Vielfalt psychischer Vorgänge wiederzugeben“.

Wie eine solche, Literaturkonzeption, die vom Individuum nicht nur absieht, sondern es ständig in Frage stellt, auf ein autobiographisches Projekt anzuwenden ist, ja, ob sie es überhaupt zuläßt – diese Frage steht über dem Erinnerungsbuch „Kindheit“, das Nathalie Sarraute 1983 veröffentlicht hat. Anders als ihre Generationsgenossen – Simone de Beauvoir, Michel Leiris und Jean-Paul Sartre – hat sie erst sehr spät ihr eigenes Leben zum Gegenstand eines Buches gemacht, und sie hat dafür eine eigene Methode entwickelt.

Simone de Beauvoir gibt in ihren vier Erinnerungsbänden einen streng chronologischen Lebensbericht; Leiris gruppiert in den vier Bänden seiner „Spielregel“ autobiographische Materalien vor allem sprachlicher Art um bestimmte Konstanten seines inneren Lebenslaufs; Sartre versucht in seinem autobiographischen Essay „Die Wörter“, solche Voraussetzungen und Ereignisse zu fixieren, die ihn zum Schriftsteller gemacht haben: alles Entscheidungen, die jeweils eine bestimmte Art der Eingrenzung nach sich ziehen.