Von Michael Schwelien

Merkwürdig: Wir leben noch. Die ersten Pershing-II-Raketen sind stationiert – und werden übungshalber durch den Süden der Bundesrepublik kutschiert. Die Sowjets haben nach-nachgerüstet – und atomar bestückte SS-22-Raketen in der DDR sowie der Tschechoslowakei aufgestellt. Flugzeit von Cottbus nach Mutlangen: weniger als vier Minuten. Von Caspar Weinberger haben wir erfahren, daß die amerikanischen Patriot-Raketen (welche auch die Bundeswehr kaufen soll) zu Anti-Raketen-Waffen weiterentwickelt werden: Nach-nach-nach-Rüstung gegen die SS-22. Dennoch scheint heute kaum jemand an die Gefahr eines kybernetisch ausgelösten Atomkrieges zu glauben, die noch vor einem Jahr vielen Demonstranten so unmittelbar erschien.

Hatte sich die Friedensbewegung einen Bärendienst erwiesen, als sie sich vor allem der (vergeblich angestrebten) Verhinderung der Stationierung von Mittelstreckenraketen verschrieb? Sollte der Herbst 1983 Höhepunkt und zugleich Endpunkt der größten außerparlamentarischen Bewegung in der Geschichte der Bundesrepublik gewesen sein? Hält nach jenem „heißen Herbst“ nun die Eiszeit der Rüstungseskalation an, ohne daß jemand die Kälte spürt?

Politische Bewegungen unterliegen anderen Gesetzen als Parteien oder soziale Institutionen wie Verbände, Kirchen und Gewerkschaften. Sie schwellen an, verebben – und können, müssen nicht, überraschend wieder an Kraft gewinnen. Sie müssen neue Themen, neue Aktionsformen finden. Die am gründlichsten durchdachte Antwort, um welche Themen sich die Friedensbewegung nach dem Stationierungsherbst 1983 wieder sammeln könnte, hat der Starnberger Friedensforscher und ehemalige Oberstleutnant Alfred Mechtersheimer gegeben. Unter dem Titel

Alfred Mechtersheimer: „Zeitbombe NATO: Auswirkungen der neuen Strategien“; Eugen Diederichs, Köln 1984; 184 S., 19,80 DM

durchleuchtet der „Waffenexperte der Friedensbewegung“ (Verlagsanzeige) die Entwicklung des nordatlantischen Bündnisses.

Seine Thesen: Die Nachrüstung war nur ein erster Schritt; neue Waffen, wie binäre Kampfgase, Weltraumsysteme, „intelligente“ konventionelle Munition werden folgen; die Nato wandelt sich zum Offensivbündnis; ein Krieg auf dem „integrierten Gefechtsfeld Deutschland“ wird wahrscheinlicher.