Ein wichtiges Buch zum besseren Verständnis der Welt des Islam heute, ihrer Geschichte und Probleme

Von Ahmad Taheri

Die deutsche Orientalistik und Islamwissenschaft kann sich nicht gerade der Lebens- und Realitätsnähe rühmen. Im Vergleich zu dem, was sie hinsichtlich der klassischen islamischen Geschichte, Kultur und Literatur geleistet hat, fällt ihre Leistung im Bereich der islamischen Gegenwart dürftig aus. In der beschaulichen Abgeschiedenheit orientalistischer Seminare, wo der Geist der einstigen islamischen Hochkultur umgeht, war stets für die profane und lärmende islamische Gegenwart wenig Platz. Zu den wenigen Orientalisten, die sich mit der islamischen Gegenwart befassen, gehört Udo Steinbach, Leiter des deutschen Orient-Instituts in Hamburg, durch seine Beiträge in den Medien weit über Fachkreise hinaus bekannt. Jetzt hat er zusammen mit Werner Ende, einem ebenso namhaften Orientforscher und Professor für Islamwissenschaft an der Universität Freiburg, ein Buch herausgegeben, das beispielhaft zeigt, wie fruchtbar die Orientalistik gerade im Hinblick auf die islamische Gegenwart sein kann:

Werner Ende/Udo Steinbach (Herausgeber): „Der Islam in der Gegenwart“; Verlag C. H. Beck, München 1984; 774 S., 138,– DM.

Neben den Herausgebern (und zugleich Mitautoren) sind weitere 27 Islamforscher, meist im akademischen Bereich tätig, in diesem Buch, das sich umfassend mit politischen und religiösen Problemen der islamischen Welt befaßt, mit eigenen Beiträgen präsent. Dennoch handelt es sich hier um keinen fachspezifischen „Wälzer“, der ohne ein höheres Maß an Vorkenntnissen nicht zu bewältigen wäre. Übersichtlich gestaltet und in allgemein zugänglicher Sprache geschrieben ist dieses Werk, wie die Herausgeber etwas bescheiden formulieren, ein „Handbuch“ des heutigen Islam, in dem „Forschungs- und Wissensstand in sachlicher Form präsentiert werden“ und das sich in erster Linie „an den interessierten Laien, der sich aus privaten oder beruflichen Interessen heraus mit dem Islam beschäftigt“, wenden. Es teilt sich in drei Themenkomplexe: Die historische und religionsgeschichtliche Entwicklung, die politische Rolle des Islam in der Gegenwart und die gegenwärtige Kultur und Zivilisation des Islam. Dabei bildet das zweite Thema, nämlich die politische Rolle des heutigen Islam, das eigentliche Anliegen der Herausgeber und verdient daher unsere besondere Aufmerksamkeit.

Der Islam kennt bekanntlich keine Trennung zwischen dem Sakralen und dem Weltlichen, zwischen dem, „was des Kaisers ist, und dem, was Gottes ist“. Praktisch kann die islamische Religiosität jedoch unpolitisch, halb-politisch oder rein politisch orientiert sein. Die Weltabgeschiedenheit der Sufis, der islamischen Mystiker, gehört ebenso zur islamischen Frömmigkeit wie der Djahad, der heilige Krieg, oder die Auflehnung gegen gottlose, weil ungerechte Herrscher. Was heute in der islamischen Welt vonstatten geht und gängigerweise mit wenig präzisen Begriffen wie „Islamische Renaissance und „Re-Islamisierung“ bezeichnet wird, ist eine Akzentverschiebung zugunsten der politischen Komponenten dieser Weltreligion.

Diese Akzentverschiebung findet ihren Ausdruck vor allem in den Aktivitäten der fundamentalistischen Richtung. Der islamische Fundamentalismus, wie er heute als eine politisch-religiöse Kraft auftritt, ist freilich keine homogene, in sich geschlossene Bewegung. Die alles Westliche ablehnende herrschende klerikale Clique im Iran, wie das dem Westen wohlgesonnene feudale Königshaus der Saudis, die den Staat unerbittlich bekämpfenden ägyptischen, und syrischen Moslembrüder, wie die staatstragende „Islamische Partei“ („Jamaat-i Islami“) in Pakistan – um Beispiele zu nennen – sind alle erklärte Fundamentalisten.