Verklärung. Stadelheimer Friedhof. Ich bin auf der Suche nach Eurem Grab. Ich kenne es doch und kann es nicht finden. Herbst. Mit der Dunkelheit gehe ich immer schneller. Rosa sagt beschwichtigend: Sie laufen uns doch nicht davon.

Wie gestickt. Am 17. Februar 1943 schreibt Sophie in einem Brief an ihre Freundin Lisa: „Ich lasse mir gerade das ,Forellenquintett‘ vom Grammophon vorspielen. Am liebsten möchte ich da selbst eine Forelle sein, wenn ich mir das andantino anhöre. Man kann ja nicht anders als sich freuen und lachen ... Oh, ich freue mich wieder so sehr auf den Frühling.“

Fünf letzte Tage. 18. Februar. Sophie Scholl und ihr Bruder Hans Scholl werden in der Münchner Universität beim Verteilen von Flugblättern entdeckt und von der Geheimen Staatspolizei verhaftet. „Freiheit“ hatten sie mit weißer Farbe an die Wände geschrieben, immer wieder gegen den Nationalsozialismus aufgerufen. Zusammen mit Christoph Probst werden sie am 22. Februar wegen Vorbereitung zum Hochverrat und Feindbegünstigung zum Tode verurteilt. Am selben Tage werden die Freunde hingerichtet. Hans soll, bevor er starb, gerufen haben: Es lebe die Freiheit! In Sophies Zelle im Untersuchungsgefängnis findet ihre Mitgefangene Else Gebel auf der Rückseite der Anklageschrift mit Bleistift geschrieben: „Freiheit. Freiheit.“ Dieses Blatt gibt es noch. Freiheit. Freiheit. Ich habe diese Worte gesehen. Ich hatte eine gerade, trotzige und starke Handschrift erwartet. Dann, Sophies Freiheit, langsam und über Stunden sorgfältig hingezeichnet, wie gestickt.

Liebe Sophie, lieber Hans. Wissen will ich: Was ist in Euch vorgegangen, warum habt Ihr so gehandelt und warum gerade Ihr? Liebe und Achtung empfinde ich für Euch. Erst hat Euch keiner kennen wollen. Schwarz. Jetzt will Euch ein jeder wiedererkennen. Weiß. Die Extreme schrecken.

Ein neues Buch. „Hans Scholl, Sophie Scholl: Briefe und Aufzeichnungen.“ Dreihundertsechs Seiten. In schneeweißem Hochglanz. Ich rufe Michael an. „Darüber kann man nichts schreiben“, sagt er. „Diese Briefe können nur durch sich selbst sprechen.“ Ich bin bewegt, ich lache, bin verärgert, bewegt, verwundet, bewundere, bewundere sehr. Schweren Herzens gestatte ich mir diese Gefühle, wie auch diese Briefe so sehr aus den Gefühlen leben, sie drehen, wenden und zu Gedanken machen. Mit jeder weiteren Seite schwindet das Mitleid, und ich kann die Menschen hinter den Opfern erkennen. Ihr Suchen nach Wahrheit, Schönheit, nach ihrem Glauben. Es sind dies die Wurzeln ihres politischen Wachens und Handelns. Ich lese. Lena Stolze

Lena Stolze hat Sophie Scholl gespielt in den Filmen „Die weiße Rose“ (Michael Verhoeven) und „Fünf letzte Tage“ (Percy Adlon).