Von Stephan M. Gergely

Wenn’s ums Geld geht, benutzen manche Wissenschaftler nur zu gerne grausige Schilderungen von Katastrophen. Dann halten sie die Hand auf, um mit neuen Etats die Ursachen dieser Katastrophen erforschen und Wege zu deren Verhütung aufzeigen zu können.

Selten wurde dieser Zusammenhang so deutlich wie Ende August auf dem „4. Internationalen Seminar über Atomkrieg“ im sizilianischen Erice. Die beiden Amerikaner Professor Joseph Smith, Geophysiker von der University of Chicago, und Joseph Knox vom Lawrence Livermore National Laboratory in Kalifornien, ergingen sich in ausführlichen Referaten zunächst genüßlich an der Schilderung möglicher verheerender Folgen von Vulkanausbrüchen, Erdbeben, Kometeneinschlägen sowie deren Wahrscheinlichkeit. Dann verlangten sie eine internationale planetarische Zukunftsplanung, mit Dutzenden Meßstationen zu Lande, zu Wasser und in der Luft – ja, bis hin zu (atom)bombenbewehrten Raumfähren zur Ablenkung von großen Meteoren, falls diese auf die Erde zurasen sollten.

„Ich schlage deshalb vor“, krönte Smith seine Ausführungen vor den versammelten Militärforschern und -technikern aus Europa, den Vereinigten Staaten, der Sowjetunion und der Volksrepublik China, „daß zehn Prozent des Verteidigungsbudgets der USA für Vulkan-, Erdbeben- und Kometenforschung umgewidmet werden.“

Die Argumentation der Wissenschaftler ist apokalyptisch-einleuchtend: Die Energiefreisetzung der größten Atombombenexplosion sei mit 60 Megatonnen geradezu winzig im Vergleich zu großen vulkanischen Eruptionen der Vergangenheit, die bis zu tausend Megatonnen entluden. Zwanzig Kubikkilometer Lava und Gestein sowie fünfzig Millionen Tonnen Schwefelsäure schleuderte allein der Vulkan Krakatau 1883 in die Atmosphäre. Weltweit hätten 1300 Vulkane in den letzten zehntausend Jahren immerhin 6000 verheerende Eruptionen verursacht. Und im Jahr 1908 ging ein Zwanzig-Megatonnen-Komet über Sibirien nieder. Ähnliche Ereignisse, orakelten die Apokalyptiker, seien alle paar Jahrhunderte zu erwarten. Überdies könnten viele, zum Teil dicht besiedelte Regionen der Erde schon morgen durch gewaltige Erdbeben verwüstet werden.

Im Klartext: Die Welt möge doch nicht immer nur auf die Gefahren eines verheerenden Atomkriegs starren (Professor Smith legte demonstrativ eine schwarze Krawatte an, als er davon sprach), sondern gefälligst auch die Möglichkeit mindestens ebenso verheerender Naturkatastrophen mit ins Furcht-Spektrum aufnehmen.

Die finanziellen Forderungen Smiths wurden in Erice nicht diskutiert. Sehr wohl Beachtung fanden dagegen die jüngsten Forschungsergebnisse von Geophysikern, Meteorologen und Klimaforschern über die Folgen großer Vulkaneruptionen. Sie erklärten auch, was diese Spezialisten auf einer Atomkriegs-Tagung überhaupt zu suchen haben: Seitdem die Theorie diskutiert wird, ein atomarer Holocaust zeitige drastische klimatische Folgen (einen „Nuklearen Winter“; siehe ZEIT Nr. 46/1983 und 37/1984), haben Katastrophen-Wissenschaftler aller Couleur Hochkonjunktur.