Von Thomas v. Randow

Wir lesen allenthalben über Leute, die Familie, Beruf und Gesundheit vernachlässigen, weil sie ihrem Heimcomputer verfallen sind, über vierjährige Genies, deren Computerprogramme erwachsene EDV-Spezialisten in Erstaunen versetzen und über jugendliche Hacker, die sich mit raffinierten Tricks Eingang in Computersysteme verschaffen, um darin allerlei Unfug anzustellen. Pädagogen argumentieren für und wider die Einführung des Computers in den Schulunterricht und Psychologen tun eifrig ihre „Expertenmeinung“ darüber kund, welchen Einfluß der allzu frühe oder allzu innige Kontakt mit dem Computer auf die seelische Entwicklung habe, wiewohl dies mangels ausreichender Erfahrung niemand wissen kann; denn der Heimcomputer hält ja gerade erst Einzug in die Familien und Schulen. Wir lesen und hören also viel Sensationelles, Ungereimtes und Widersprüchliches über die neue Maschine, die dabei ist, unsere Zivilisation zu durchsetzen, vielleicht sogar nachhaltig zu verwandeln.

In dieser verwirrenden Situation ist ein Buch hilfreich, das keine enthüllenden Storys aus der Computerszene erzählt, nicht über positive oder negative, Auswirkungen der Computerei auf Mensch und Gesellschaft spekuliert, sondern uns das solide Resultat einer sechsjährigen Studie vorlegt, Beobachtungen an Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die sich intensiv mit Computern oder computergesteuerten Apparaten beschäftigen. Geschrieben hat es eine Frau, die an der Wiege des Computerzeitalters, dem Massachusetts Institute of Technology (MIT), Psychologie und Soziologie lehrt:

Sherry Turkle: „Die Wunschmaschine“. Vom Entstehen der Computerkultur. Deutsch von Nikolaus Hansen; Rowohlt Verlag, Reinbek, 1984; 420 S., 39,80 DM.

The Second Self hat die 36jährige Wissenschaftlerin ihr Buch genannt; deutsch hätte es „Das zweite Ich“ heißen müssen. Das war dem Rowohlt Verlag wohl zu riskant – wer möchte es sich schon mit – deutschen Intellektuellen verderben. bmerkenswerte Selbstzeugnisse, aus denen! wie Sherry Turkle überzeugend darlegt, hervorgeht, daß die Maschine zu Meditationen über das eigene Denken, über Gefühle und Identität anregt. Sie tut dies vor allem bei Menschen, denen anderenfalls kaum solche Gedanken in den Sinn gekommen wären. „Die Wunschmaschine“, der nichtssagende deutsche Titel, läßt diese Thematik nicht anklingen. Immerhin sagt der gewählte Untertitel, worum es geht: „Vom Entstehen der Computerkultur.“

Ja, es entsteht eine Computerkultur, mit allen Geburtswehen einer neuen Kultur, dem Kult der Eingeweihten, dem Mißtrauen der Außenstehenden, einem befremdlichen Vokabular und einer neuen Einschätzung von Gefühlen. Sherry Turkle bringt uns diese Kultur vorwiegend in den Worten ihrer Beobachtungsobjekte nahe. Die Autorin theoretisiert nicht, sie vernetzt die Aufzeichnungen ihrer Gespräche mit mehr als zweihundert Personen zu einem Geflecht nachvollziehbarer Erfahrungen, reflektiert sie an Erkenntnissen der Psychologie, aber überläßt es weitgehend ihren Lesern, das Mitgeteilte zu werten.

Weil es die Psychologin vorzüglich versteht, Kinder wie Erwachsene zum Sprechen über sich selbst zu bringen, und weil sie Menschen anschaulich, zuweilen auch witzig zu charakterisieren vermag, bietet „Die Wunschmaschine“ eine geradezu unterhaltsame Lektüre. Die Personen werden uns schnell vertraut, sind bald alte Bekannte, die wir in späteren Kapiteln häufig wiedertreffen, zum Beispiel Robert, der seinen elektronischen Spielgefährten bestraft, weil er „schummelt“ oder Jeff, den harten und Kevin, den sanften Programmierer, Jarish, den unersättlichen Video-Spieler, Bill, den System-Hacker. An ihnen wird klar, auf wie unterschiedliche Weise Menschen von einer Maschine angerührt werden, die kompliziert genug ist, um uns herauszufordern, doch nicht raffiniert genug, um sich der Beherrschung durch den Menschen entziehen zu können. Die Beherrschung freilich macht sie uns schwer. Darin liegt ihr unwiderstehlicher Reiz.