Von Rudolf Herlt

Der amerikanische Finanzminister Donald Regan fühlt sich bestätigt. Er hat immer behauptet, die hohen amerikanischen Zinsen hätten nichts mit den hohen amerikanischen Haushaltsdefiziten zu tun. Fast zwei Jahre lang predigte er seinen Kritikern aus Europa, daß es die Inflationserwartungen gewesen seien, die das Zinsniveau in den Vereinigten Staaten nach oben getrieben haben. Diese Erwartungen waren hoch, weil die amerikanische Konjunktur auf vollen Touren lief. Nun aber läuft der Motor langsamer, und deshalb würden die Zinsen sinken.

Tatsächlich haben führende amerikanische Geschäftsbanken ihren Leihzins für erste Adressen, die sogenannte Prime Rate, von 13 auf 12,75 Prozent gesenkt. Regan erkennt darin „Anzeichen einer Abkühlung der Wirtschaft“, und rechnet demzufolge mit weiteren Zinsrückgängen.

Im Kongreß wird diese Ansicht nicht geteilt. Das Congressional Budget Office, das für Senat, Repräsentantenhaus und für beide Parteien arbeitet, sieht in einer Prognose für 1985 zwar auch eine leichte Abkühlung voraus. Der Direktor des Amtes, Rudolph Penner, rechnet jedoch, da die Gefahr für ein Wiederansteigen der Inflation gering bleibt, nur mit ganz kleinen Zinssenkungen. Bei kurzfristigen Papieren des Schatzamtes dürften nach seiner fundierten Schätzung die Zinsen von 10 auf 9,7 Prozent fallen. Penner gibt sich Mühe, der Illusion entgegenzuwirken, die Zinsen würden nach der Wahl des neuen Präsidenten nennenswert fallen.

Er leugnet nicht, wie Finanzminister Regan, jeden Zusammenhang zwischen Zinshöhe und Höhe des Haushaltsdefizits. Aber einen direkten Kausalzusammenhang will er gleichwohl nicht gelten lassen. Eher sei schon die gesamte öffentliche Schuld als Erklärungsursache für die hohen Zinsen brauchbar. Sie hatten am 30. September, dem Ende des Haushaltsjahres 1983/84, rund 1,3 Billionen Dollar erreicht – das ist eine Zahl mit zwölf Nullen. Den Zusammenhang zwischen Zins und Defizit sieht er differenzierter: Veränderungen in der Höhe, des Haushaltsdefizits seien allenfalls für Änderungen des Zinsniveaus verantwortlich.

Nach dieser Theorie müßten die Zinsen im nächsten Jahr sogar leicht steigen, weil das Haushaltsdefizit größer wird. Für das Steuerjahr 1983/84 hat Penners Amt ein Defizit von 172 Milliarden Dollar errechnet, für das nächste Steuerjahr werden 178 Milliarden Dollar vorausgesagt – falls keine Änderungen eingeleitet werden.

Hier liegt die große Hoffnung der Europäer, mit Emphase auf zwei Weltwirtschaftsgipfeln vorgetragen. Regierungen und private Banken sehen einen direkten Zusammenhang zwischen Zinsen und Haushaltsdefiziten. Wilfried Guth, der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, artikuliert die allgemeine Überzeugung diesseits des Atlantiks, wenn er sagt: „Nur die Amerikaner selbst können die Situation ändern, indem sie über einen Defizitabbau die Voraussetzungen für einen Zinsabbau schaffen.“ Aber dann fügt er nachdenklich hinzu: „Wird das Präsident Reagan nach der Wahl auch tun?“