Von Reinhard Baumgart

Wer immer heute Romane neuer, aktueller, junger deutscher Autoren liest, kann sich ein Buch vorstellen, das etwa so einsetzt:

Der junge Autor trifft mit dem Zug in Paris ein. Er beschreibt die Einfahrt, den Glanz der Schienen, die Farbe Violett am Abendhimmel. Er sucht ein Hotel, findet ein Zimmer und trägt seinen Namen in die Gästeliste ein. Auf der Hotelbettkante sitzend, versucht er, vergeblich, eine junge Frau anzurufen. In seiner Erinnerung an diese Frau leuchtet mehrfach die Farbe Weiß auf. Er betritt eine Pariser Wirtsstube, sieht auf dem Boden die Sägespäne, bestellt ein Glas Rotwein, erhält es, trinkt es aus, bezahlt es. Der genaue Preis wird genannt. Noch einmal an einem Tele-

honhörer, gelingt es ihm wieder nicht, die junge Frau zu erreichen. Er sinnt nach über das Verhältnis zwischen Sprache und Schweigen, Farben und Lauten. Als er wieder eine Gaststube betritt, Sägespäne auf dem Boden sieht, Rotwein bestellt –

weiß ich, als inzwischen ungeduldig, unaufmerksam gewordener Leser nicht mehr, ob es wieder dieselbe oder nun eine andere, wenn auch gleiche Gaststube sein soll. Mit anderen Worten: ich weiß nicht, warum ich mit diesem jungen, genauen, sensiblen Autor lesend nach Paris gefahren bin. Ich habe ihm, wie über den Rücken, in sein genaues, sensibles Tagebuch geguckt. Was ich an diesem Tagebuchtext also nicht begreife, ist der Akt der Veröffentlichung.

Dieser heute, wie ich behaupte, jederzeit mögliche Romananfang ist zwar erfunden, aber nicht erfunden sind das Unbehagen, die Lähmung, die Ratlosigkeit, mit der ich auf eine solche Lektüre reagieren würde.

In jeder neuen Buchsaison erscheinen nun immer neue Väter, Mütter, Tanten, Töchter, Parisreisen, Ehekrisen, Studenten- oder Drogenjahre, also immer neue und doch sich ähnliche Lebenslauffragmente als Vorwürfe oder Vorwände für Romane. Nur noch das jeweils Nächstliegende, die eigene Lebensvergangenheit, scheint den Autoren als Stoff greifbar und geheuer, so daß durch die Literatur ein intimes Raunen und Plauschen zieht und unter Lesern sich ein betroffenes, sympathetisches Kopfnicken ausbreitet, als hätte sich unsere literarische Öffentlichkeit verwandelt in eine Selbsterfahrungsgruppe.