Von Julius H. Schoeps

Der von Martin Buber, Chaim Weizman, Berthold Feiwel und dem Graphiker Ephraim Moses Lilien 1902 in Berlin gegründete Jüdische Verlag“, der ein Forum für jüdische Künstler und Schriftsteller war, hat eine wechselvolle Geschichte. 1938 wurde der Verlag, der die zionistischen „Klassiker“ Theodor Herzl, Max Nordau und Simon Dubnow herausbrachte und osteuropäische Autoren wie Achad Haam und Scholem Alechem im Westen bekannt machte, durch das Goebbels-Ministerium aufgelöst. Mitarbeiter und Verlag sahen sich gezwungen, nach Palästina überzusiedeln und die Arbeit unter schwierigsten Bedingungen in Jerusalem fortzuführen. 1978 wurde der Verlag von der Verlagsgruppe Athenäum übernommen, und seitdem bemüht man sich in Königstein, die von den Gründern geschaffene Tradition fortzusetzen.

Neben verdienstvollen Reprints wie zum Beispiel dem des fünfbändigen „Jüdischen Lexikon“ liegt der Schwerpunkt in der jüdischen Literatur- und Geistesgeschichte der Neuzeit. So sind im Programm dieses Jahres Titel von Autoren, von denen man sich schon seit langem Neuauflagen gewünscht hat, so „Das Büchlein vom gesunden und kranken Menschenverstand“ (Franz Rosenzweig), „Juden und Judentum in deutschen Briefen aus drei Jahrhunderten“ (Franz Kobler), „Die verlorene Schlacht“ (Scholem Alechem) oder „Hawdaloh und Zapfenstreich“ (Sammy Gronemann). Ganz besonders hervorzuheben ist folgender neuer Titel, ein typisches Dokument jüdisch-deutscher Symbiose und ein Beleg für das Verwurzeltsein und die Liebe der Juden zu Deutschland und zur deutschen Kultur;

Theodor Wolff: „Die Juden. Ein Dokument aus dem Exil 1942/43“; hrsg. und eingel. von Bernd Sösemann, Jüdischer Verlag/Athenäum, Königstein/Ts. 1984, 305 S., 48,– DM.

Der Göttinger Historiker Bernd Sösemann, der auch die Tagebücher von Theodor Wolff (1868-1943) edierte (vgl. DIE ZEIT Nr. 16/1984), hat jetzt die oben genannte Schrift, die er als nicht ganz vollständiges Manuskript im Nachlaß des berühmten Publizisten und Chefredakteurs des Berliner Tageblatt gefunden hat, kommentiert und mit Erläuterungen versehen zur Veröffentlichung gegeben. Sie stellt den ersten Teil – und nur er konnte ausgeführt werden – einer geplanten Trilogie dar, in der „Die Franzosen“ und „Die Deutschen“ ebenfalls behandelt werden sollten.

Theodor Wolffs Manuskript „Die Juden“ ist im französischen Exil in Nizza entstanden und vermutlich im Frühjahr 1943 abgeschlossen worden. Es enthält neben allgemeinen Betrachtungen zum Schicksal der Juden eigene Erlebnisse, Erfahrungen und Gedanken, die der Schrift eine deutlich autobiographische Note geben. Was Wolff beim Schreiben bewegte, ist die Frage, wie es hatte zur Machtergreifung Hitlers und der Nationalsozialisten kommen können, welches die Gründe waren, die zur Ausgrenzung der Juden aus der deutschen Gesellschaft führten. Auffallend ist dabei die Gelassenheit und kühle Distanziertheit, mit der Wolff analysiert, beschreibt und kommentiert. Es drängt sich der Eindruck auf, als ob er nur unzureichend informiert gewesen ist. Von den nationalsozialistischen Greueltaten ist nicht viel zu ihm durchgedrungen. Hätte er von dem systematisch betriebenen Massenmord, der während der Niederschrift des Manuskriptes bereits in vollem Gange war, nur in Umrissen geahnt (ein weiterer Beweis, daß man im Ausland von den Vorgängen in Deutschland nur wenig wußte), hätte er wohl schwerlich die Rolle des sich in seinen Kommentaren zurückhaltenden Chronisten beibehalten können.

Der Leser ist sofort gefangen von Theodor Wolffs Stil, seiner bestechenden Sprache, mit der er die Geschichte der Juden als „Mittelmeervolk“ erzählt. Sein historischer Exkurs läßt vor unseren Augen noch einmal wesentliche Stationen jüdischen Schicksals vorüberziehen – das babylonische Exil, den Makkabäer-Aufstand, die Zerstörung des Tempels, Aufstieg, Glanz und Fall der Judenheit in Spanien. Wolff, der auf die Einzigartigkeit der jüdischen Geschichte hinweist, hat sich bei seinen Ausführungen auf die für ihn erreichbare wissenschaftliche Literatur gestützt, hauptsächlich auf Ernest Renan und Heinrich Götz. Den letzteren hält Wolff im übrigen nicht für einen großen Historiker, was ihn aber nicht hindert, bei bestimmten Gedankengängen aus dessen bekannter elfbändiger „Geschichte der Juden“ zu zitieren.